Sie scheinen kein Freund der Natur zu seyn, warf der Reisende ein, und bewohnen doch selbst eine der reizendsten Gegenden unsers Vaterlandes.
Natur! rief der Pfarrer aus; das Wort ist etwa seit 40 Jahren in die Mode gekommen, und so weit ich habe das Verständniß davon erreichen können, meint man darunter einen etwanigen Bach oder Fluß, sammt Berg und Steingeschichten, oder die Waldsachen und dergleichen. Hat mich nie sonderlich interessirt, weil ich mich immer bestrebt habe, ein denkendes Wesen vorzustellen. Und unser Werther, wie ihn die jungen Leute heißen, oder Theophilus, wie sein eigentlicher Taufname lautet, weiß auch weder, ob Frühling oder Herbst ist, ob die Bäume blühen oder dürr sind, ob die Bergwand aus Granit oder Marmor besteht, sondern er läuft nur, wie ein Uhrwerk, so hin und her.
Der Alte war mit allerhand Papieren und Briefschaften beschäftigt, die er in einem Tischkasten zu ordnen suchte, und der Arzt sagte indessen zu sich: Der Aermste! Also auch diese Empfindung ist in ihm untergegangen, die sonst dem Unglücklichen so oft einen heiligen Trost gewährt! Denn der Natur gegenüber verklärt sich jeder Schmerz, der uns unter Menschen, in den Mauern der Städte oft zu vernichten droht, und verwandelt sich in ein himmlisches Wesen, in eine Erscheinung von oben herab. Wie eine Himmelsharfe tönt die Natur Freude und Leid mit, und setzt unsre stummen Seufzer, die Worte der Klage in überirdische Musik um.
In diesen Phantasieen, die wohl so schnell in ihm antönten, weil er so lange mit dem fast schwärmerischen Rathe gereiset war, wurde er wieder vom Pfarrer unterbrochen. Verzeihen Sie mir, sagte dieser, daß ich Sie so schlecht unterhalte, jeder macht so seine Studia. Dieselben haben sich wohl niemals mit der Astrologia eingelassen?
Nein, antwortete der Arzt.
Sehr Schade, fuhr jener fort, daß diese Wissenschaft seit neueren Zeiten so ist vernachlässiget worden. Ich habe sie immer bewährt gefunden. Und so sehe ich hier wieder das Horoskop an, welches ich meiner Tochter bei ihrer Geburt stellte. Ich prognosticirte damals, daß sie sich in einen hohen Stand erheben würde, und sie ist nun auch wirklich glückliche Braut eines vornehmen Mannes. Das hat mir auch den Geist so eingenommen, daß ich fast nicht capabel bin, eine recht fortgesetzte Conversation zu führen. Doch da kommt ja unser Theophilus mit seinem alten Gesellschafter. Der junge Mann ist eine Zeit lang in einer andern Familie sehr gemißhandelt worden; man darf ihn nicht auf diesen Gegenstand bringen: denn er wird zuweilen bitterböse, wenn er sich jener Tage erinnert.
Der Arzt stand auf und sah zu seinem Erstaunen einen langen, nicht mehr jungen Mann eintreten, der sich gebückt trug, und aus dessen regelmäßiger Physiognomie die höchste Beschränktheit und Einfalt hervor leuchtete, aber auch zugleich eine so heitre Jovialität, daß er von Neuem an dem Rathe und dessen übertriebener Schilderung irre ward. Der Einfältige gab dem Pfarrer die Hand, sah den Fremden mit scheuem Blick von der Seite an, ging dann auf ihn zu und fragte hastig: sind Sie ein Edelmann?
Verzeihung, rief der Pfarrer dazwischen; ich habe noch nicht einmal Gelegenheit gehabt, mich nach Ihrem werthen Namen zu erkundigen.
Doctor Anselm, sagte der Arzt.
Ich dachte, Sie wären mein Vetter, rief der Einfältige, weil Sie eine solche ästhetische superfeine Nase haben. Zugleich sprang er in die Höhe, und schlug wie ein muthwilliges Füllen mit den Beinen hinten aus.