Wolfsberg las die Papiere mit Aufmerksamkeit durch, und wagte es nicht, noch ein einziges Wort zu seiner Rechtfertigung zu erwiedern. Friedrich sah ihn tröstend an und warf heimlich höhnische Blicke auf den Director; der aufmerksame Herr Kranich aber war schnell mit der kleinen Peitsche bei der Hand, um die bösen Geister von Wolfsbergs Schultern zu verjagen. Der Director wurde noch zorniger und rief: stecken Sie die verdammte Peitsche ein! Ich glaubte, Sie würden doch wenigstens mein Vertrauen und mein Zimmer so weit ehren, das Zeichen Ihres Aberwitzes in Ihrer Klause zu lassen.

Der Rothrock steckte zwar die Peitsche wieder ein, machte aber ein zorniges Gesicht, sah den Director mit großen Augen unverwandt an und sprach dann laut: Aberwitz, mein Herr? Dieses Worts sollen Sie sich jetzt und Ihre Lebenszeit hindurch schämen! Ich kam an Ihren Tisch in dem festen Vertrauen, daß Sie doch so viel Vernunft haben würden, mich nicht mit den mancherlei Gecken, von denen heut Mittag die Rede gewesen ist, in eine Classe zu werfen, und mich nicht mit dem Gezücht vergleichen zu wollen, was da unten im Saale sein Gaukelwesen treibt. Ich brauche, dem Himmel sei Dank, nicht curirt zu werden; auch will ich niemals curirt seyn; denn meine Vernunft, Herr, ist probefest, und auf die Dauer gearbeitet, und ich bin noch niemals, wie Sie von sich vorher zugestanden haben, in Gefahr gerathen, mit Närrischen närrisch zu werden. Wer wären Sie denn, wenn ich nicht das Geschmeiß der Pygmäen immer wieder aus Ihrem Hause vertriebe? Ich will diese liebe Peitsche nur kurze Zeit ruhen lassen, und Sie werden es an sich erfahren, daß Sie ein ruinirter Mann sind, daß Sie überschnappen, daß Sie zum Kinderspott werden. Wie? Was? Es gäbe wohl am Ende gar keine Pygmäen? Haben sie nicht schon die alten Griechen erkannt, aber nach ihrer dummen Weise darüber gefabelt. Sogar von mir und meinem großen Einfluß auf sie hat man in uralten Zeiten dunkle Legenden und Ahndungen gehabt; aber man dichtete, daß die Pygmäen ein wirkliches Volk seien, so klein, daß die Kraniche Krieg mit ihnen führten. So erbärmlich hat man die Sache und meinen Kampf mit ihnen entstellt. Heut zu Tage nennen sie’s das böse Princip. Nicht wahr, da ist mehr Verstand drin! Nein, da lobe ich mir meine süße, liebe Peitsche; und wo ich bin, muß diese auch seyn. Dixi.

Der Geistliche sagte: nicht so übel! aber der Director fuhr auf: wenn Sie so großen Geschmack an Narren finden, ehrwürdiger Herr, so mögen Sie es haben. Er verließ das Zimmer; die Uebrigen folgten ihm nach.

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Was machen Sie nur? fragte der Rath den Arzt, als der sandigere Weg wieder ein Gespräch erlaubte. Wir sollten lieber hier noch verweilen, vorzüglich Ihretwegen, da Sie doch nun Ihren theuern Grafen gefunden haben; und Sie selbst ziehen mich wie mit Gewalt in den Wagen, und erklären, Sie wollten niemals wieder hieher zurück kommen.

O mein bester Rath, sagte der Arzt halb lachend; für einen Rechtsgelehrten sind Sie mir doch etwas zu treuherzig und für einen Inquisitor und Nachspürer gar zu arglos. Der Birken ist entlaufen, Vater und Tochter sind mir entgegen. Vermuthen diese, ich komme wieder, so finde ich meinen Entsprungenen niemals und es geschieht, was ich verhindern will; kann ich sie aber sicher machen, daß ich nicht zurück kehre, so überrasche ich den vollständigen Familienkreis wohl in Kurzem. Mit Ihrem lieben Pankraz ist es derselbe Fall; er hat sich unsichtbar gemacht, und zeigt sich nur, wenn er uns entfernt weiß.

Was hat der ehrliche alte Mensch mit dieser Sache, ja mit irgend einer zu thun? antwortete der Rath. Er hat damals genug gelitten, als seine Unvorsichtigkeit dem armen Raimund so theuer zu stehen kam; der Mensch mußte sogleich den Dienst verlassen und dem Zorn des alten Barons entfliehn.

Der Arzt lachte laut auf. Wenn meine Menschenkenntniß mich nicht ganz trügt, sagte er endlich, so ist dieser gute alte Pankraz ein durchtriebener Schurke, und jener braun- und blauäugige Baron nichts Geringeres.

Sie schwärmen, lieber Freund.

Und Sie schlagen selbst etwas in die Farben, in denen Sie mir Ihren Raimund gezeichnet haben. Haben Sie denn nicht bemerkt, wie verlegen das Pankraziengesicht wurde, als es Sie erblickte? Schon vorher wurde er blaß, als ich ihn nach Blanka fragte. Er weiß uns Raimunds Aufenthalt gewiß zu entdecken. Können Sie sich in der Stadt durch Freunde oder Autorität eine Vollmacht verschaffen, um den Schurken, wenn Sie ihn wieder ansichtig werden, zu verhaften, ihn zu erschrecken; so erfahren wir gewiß Alles, und der Zweck Ihrer Reise ist erfüllt.