Die Beiden kamen spät von der Starkenburg zurück, und indem sie in das Zimmer traten, hörten sie, wie Wachtel sich selber den letzten Theil und Beschluß seines Briefes vorlas. Walther fuhr auf ihn zu und fragte: was war das für eine Dame, die jener in Würzburg ähnlich war? Auch Ferdinand setzte ihm leidenschaftlich mit Reden zu; doch Wachtel, der jetzt seine Flasche Johannisberger völlig geleert hatte, sagte: Meine Herren und Freunde, ich habe da einen häuslichen vertraulichen Brief an meine Gattin geschrieben, welcher nichts, als Familienverhältnisse und Versicherungen meiner Liebe enthält, diesen kann ich Euch also unmöglich mittheilen; die letzte Anspielung, die Ihr zufällig vernommen habt, ist nichts weiter als die Beziehung auf eine Sache, die ich selber nicht verstehe und das Wenige, was ich davon wußte, seitdem völlig vergessen habe. Ich war, als jenes Frauenzimmer schnell in unser Zimmer dort in Guben trat, eben in Gedanken und Studien versenkt; kurzum, sie hatte einen Brief an meine Frau, den ich damals nicht lesen konnte oder wollte, und ein alter Mann begleitete sie, von dem es unentwickelt vor mir liegt, ob er ein Herr oder ein Bedienter war. Kurz, mit einem Wort, sie bewohnte ein Zimmer, als ich schon schlief. Sie kam mir hübsch vor, und nachher, als ich sie wiedersah, konnte ich mich nicht bestimmt erinnern, ob es noch dieselbe oder eine andre war. Diese zweite war aber noch schöner. Vielleicht hatte sie aber die Frische des Morgens so gefärbt. Nun fragte ich wieder nach ihr, und sie war schon abgereist, und da es mich nichts anging, schlug ich es mir aus dem Sinn, und so vergaß ich es, und so reiste ich nach Dresden ab, und so sind wir nun hieher gerathen, und das Briefschreiben hat mich angegriffen, und der Johannisberger hat mich gestärkt, und das ist Alles, was ich von der Sache weiß.

Daß mich die Sache interessirt, sagte Walther, darüber könnte ich meine Gründe angeben; aber warum Sie, Ferdinand, so neugierig sind, begreife ich nicht.

Ich weiß selbst nicht, antwortete dieser, weshalb ich mich darnach erkundige; man macht seinen Freunden in der Regel Alles nach, weil sie nach einiger Zeit ein gemeinsames Interesse verknüpft. Und, gestehe ich es nur, in jener Nacht, als wir in Guben waren, hörte ich durch die offenstehenden Fenster der untern Zimmer meinen Freund Wachtel schon mit seiner Frau von dieser Dame reden, ich war schon damals neugierig, aber mein Freund Wachtel war in einem so bedenklichen Zustande, daß ich mich ihm nicht zu erkennen geben mochte; auch rückte schon der erste Morgen herauf und unsre Abreise drängte.

Sieh! sieh! sagte Wachtel gähnend, meine confuse Frau hat mir damals eine noch confusere Geschichte vorgetragen, von einem sehr hübschen Menschen, den sie hundertmal einen Engel nannte. Sie schien zu meinen, ohne des Engels Beihülfe, der sich so edel betragen, hätte ich die ganze Nacht draußen im Grase liegen müssen. Sie machte ein Mährchen draus, wie das von der Martinswand ist. Und nun entwickelt es sich also, daß Du dieser Engel warst. So verschwinden bei nur mäßiger Forschung alle Wunder aus der Geschichte.

Nach einer kurzen Ruhe fuhren die Freunde am schönen Morgen weiter, aber nur langsam, um die Gegend zu genießen. Sie kamen schon früh in Heidelberg an.

Der Pfarrer Le Pique hatte dem jungen Ferdinand einige Briefe an Freunde mitgegeben, und so lernte dieser einen rüstigen, geistreichen Mann, Keyser, welcher Lehrer an der Schule war, kennen. Sie besuchten gemeinschaftlich den biedern Daub, sowie den herrlichen Creuzer, und in der schönen Umgebung, unter wissenschaftlichen und heitern Mittheilungen verflossen ihnen die Stunden und Tage im lieblichsten Wohlbehagen. Auch den trefflichen Pfarrer Abegg lernten sie in Lohmen kennen, und die muntern Freunde, die Alle noch jugendlich kräftig waren, durchstreiften das Gebirge und die blühenden Kastanienwälder, die vielen Bergen hier einen ganz südlichen Charakter geben, und erkletterten alle irgend zugänglichen Theile des großen Heidelberger Schlosses.

Mit Keyser ging Ferdinand in einer Nacht nach Zweibrücken hinüber, und Walther verwunderte sich, daß der Freund ihm aus dieser Wanderschaft ein Geheimniß gemacht hatte.

Walther, der noch wenig mit Gelehrten und mehr mit dem Adel gelebt hatte, war höchlich erfreut, in dem Professor Daub die schöne Biederkeit echter deutscher Natur, und in Creuzer diese Gewandtheit des Geistes, sowie diese edle Urbanität kennen zu lernen; Abegg’s Milde wirkte wohlthätig und fein auf den witzigen Streit, der sich manchmal zur Heftigkeit erhob und den besonders der lebhafte Keyser gern veranlaßte. Wenn wahre Gelehrte, die zugleich als echte und edle Menschen den Ton des Umganges haben, in freundlicher Hingebung scherzend und ernst durch alle Gänge des Wissens und Forschens wandeln, so findet sich in dieser Umgebung eine Unterhaltung, die der Menschenkenner und Weltmann vergebens in den andern Zirkeln der Gesellschaft suchen wird.

Ein schöner Friede schien alle Gelehrte in Heidelberg zu vereinigen und Ferdinand erzählte viel von einer schönen Zeit, in welcher er vor wenigen Jahren in Jena in dem Kreise lebte, den Wilhelm und Friedrich Schlegel, Novalis und Schelling bildeten. Er schilderte diese Wochen als das reichste und üppigste Geistesbankett, das er jemals schwelgend genossen habe.

Nach einigen Tagen schrieb Ferdinand an eine Freundin, Charlotte von Birken, nach Berlin.