Die sorgfältige Beachtung dieses Besondern darf am wenigsten versäumt werden, wenn in jene reichhaltigen Liedersammlungen aus dem deutschen Mittelalter, welche noch als verworrene Masse vor uns liegen, Licht und Ordnung kommen soll. Diese Sammlungen enthalten, bei allem Gemeinsamen in Form und Gegenstand der Dichtung, gleichwohl eine große Manigfaltigkeit von Dichtercharakteren, eigenthümlichen Verhältnissen und Stimmungen, persönlichen und geschichtlichen Beziehungen. Gerade diejenigen Lieder, welche sich mehr im Allgemeinen halten und darum auch am leichtesten verstanden werden, sind vorzugsweise bekannt geworden und mußten denn auch dieser ganzen Liederdichtung den Vorwurf der Eintönigkeit und Gedankenarmuth zuziehen. Diejenigen dagegen, deren Beziehungen eigenthümlicher und tiefer sind, blieben so ziemlich ihrem Schicksal überlassen.

Davon will ich hier nicht ausführlicher sprechen, wie die Zeitgeschichte überhaupt, das merkwürdige Zeitalter der Hohenstaufen, das uns Jahrbücher und Urkunden nur in politischer Starrheit darstellen, wie dieses erst die rechte Farbe und Lebenswärme gewinnt, wenn wir es in der Einbildungskraft und dem Gemüthe der Dichter abgespiegelt sehen.

Vom Thunersee bis zur Insel Rügen, vom adriatischen Meere bis nach Brabant ziehen sich die Straßen des altdeutschen Gesanges. Ueberall Fürstenhöfe und Ritterburgen, Städte und Klöster, wo Sänger und Sangesfreunde hausen oder herbergen. Es ließe sich eine reiche Landkarte des poetischen Deutschlands im Mittelalter entwerfen. Von keinem aber aus der Zahl dieser Sänger dürfte die Forschung zweckmäßiger ausgehen, als von Walther von der Vogelweide, der auf seinen vielfachen Wanderungen allwärts Berührungen anknüpft und dessen langes, liederreiches Leben einen für die Poesie so merkwürdigen Zeitraum umfaßt.

Wenn ich den Werth dieses Dichters hervorhebe, so berühre ich nicht etwas Neues und bisher Unbeachtetes. Von Bodmer (Proben der alt. schwäb. Poesie &c. Zürich 1748. Vorber. S. 33 ff.) bis auf die neueste Zeit haben manche Literatoren die dichterische Kraft und die Vielseitigkeit desselben, sowie seine Bedeutung für die Zeitgeschichte, mit mehr oder weniger tiefem Verständniß, erkannt und angerühmt[A]. Von Gleim (Gedichte nach Walth. v. d. Vogelw. 1779) bis auf Tieck (Minnelieder &c. Berl. 1803) und Spätere ist manches seiner Lieder durch Bearbeitung oder Uebertragung in die neuere Sprache den Zeitgenossen näher gerückt worden. Gleichwohl fehlt es noch an einer umfassenderen Darstellung seines Lebens und Wesens.

Man wird behaupten, durch eine kritische, mit den verschiedenen Lesarten und den nöthigen Erklärungen ausgestattete, das Unächte vom Aechten ausscheidende und den vielfach gestörten Rhythmus in seiner Reinheit herstellende Ausgabe seiner Lieder würde das Beste für den alten Dichter geschehen. Weit entfernt, das Verdienstliche und die Wichtigkeit eines solchen Unternehmens zu mißkennen[B], bin ich doch der Meinung, daß nur dann jedes Einzelne sein rechtes und volles Licht erhalten könne, wenn erst der Geist und Zusammenhang des Ganzen gehörig erkannt ist. Für eine Ausgabe der Lieder aber würde nicht die Zusammenstellung nach der Zeitfolge, welche bei einem großen Theile derselben ohnehin nicht bestimmbar ist, oder nach der Verwandtschaft der Gegenstände, sondern vielmehr die Anordnung nach den Tönen die schicklichste seyn.

Weil übrigens der Dichter doch nur aus seinen Liedern vollständig begriffen wird und weil Walthers Lieder gerade die Hauptquelle sind, woraus wir über seine Lebensumstände Aufschluß erhalten, so habe ich überall die Gedichte selbst oder doch bezeichnende Stellen aus denselben in die Darstellung verwoben.

Die Form, in der ich diese Gedichte liefre, mußte durch den Zweck der ganzen Arbeit bestimmt werden. Sie mußten vor Allem verständlich seyn. Es war hier nicht sowohl um die sprachliche Beziehung, als um die Aufklärung über Schicksal und Charakter des Dichters zu thun. Darum wählte ich den Weg der Uebertragung aus der älteren Mund- und Schreibart in die neuere.

Nicht unbekannt ist mir, wie wenig dieses Verfahren bei gründlichen Kennern des deutschen Alterthums empfohlen ist. Es gehen dabei manche Feinheiten der alten Sprache verloren und nicht geringere Schwierigkeit, als die gänzlich veralteten Formen und Worte, bieten häufig diejenigen dar, welche, noch jetzt gangbar, ihre Bedeutung mehr oder weniger verändert haben und dadurch zum blossen Scheinverständnisse verleiten können, wie solches besonders in Benecke's trefflichem Wörterbuche zum Wigalois gezeigt ist. Auf der andern Seite ist Manchen auch die leichteste Abweichung vom gegenwärtigen Sprachgebrauche unerträglich.

So wenig ich nun hoffen durfte, zwischen diesen Klippen ohne Anstoß hindurch zu schiffen, so konnte ich doch jene Behandlungsweise nicht umgehen. Die Gedichte selbst in die Darstellung aufzunehmen, war mir wesentlich; mit der alten Schreibart aufgenommen, würden sie aber umständliche, den lebendigen Zusammenhang allzu sehr störende Erläuterungen erfordert haben. Um jedoch überall die Vergleichung zu erleichtern, ist bei jedem ganz oder theilweise ausgehobenen Liede nachgewiesen, wo dasselbe in der Urschrift zu lesen sey.

Bei jener Uebertragung war es auch keineswegs auf eine Umarbeitung, am wenigsten auf anmaßliche Verschönerung, angelegt. Ueberall habe ich das Alterthümliche zu erhalten gesucht. Nur wenige, ganz veraltete Formen sind umgangen worden. Veraltete Worte habe ich vorzüglich dann vermieden, wenn sie den Eindruck des Ganzen zu stören drohten. Andre, besonders solche, die sich zur Wiedereinführung empfehlen, habe ich lieber erklärt, als mit neueren vertauscht. Manchen Lesern mag noch jetzt Mehreres zu fremdartig lauten. Es gehört jedoch keine sehr große Entäusserung dazu, hin und wieder einmal Arebeit, Gelaube, Pabest, unde, sicherlichen, meh, sach &c. statt Arbeit, Glaube, Pabst, und, sicherlich, mehr, sah &c. zu lesen oder auch einige unvollständige Reime zu dulden, z. B. schöne auf Krone, die sich aber in der alten Sprache vollkommen ausgleichen.