Zehntes Kapitel.
Auf dem Wege nach Kiachta.
Der dritte Unglücksfall. — Unter Mongolen und Burjaten. — Eine nächtliche Fahrt. — Der Übergang über den Iro. — Der erste Wald. — Kiachta.
Die von den Karawanen benutzte Straße zwischen Urga und Kiachta überschreitet eine Berggruppe, die von den Flüssen Chara-gol und Iro begrenzt wird, welche beide von Osten nach Westen fließen und sich in den Orchon ergießen, den größten Nebenfluß der Selenga. Diese Berge, die ihren Namen nach dem Chara-gol tragen, nach Angabe der Landkarten aber auch Argalberge heißen, sind abschüssig und steinig. Die Straße wurde uns als sehr schwer passierbar geschildert. Deshalb faßten wir den Entschluß, sie zu umgehen.
Wir wollten im Bogen um die verrufenen Berge herumfahren, indem wir uns dem Tale des Orchon näherten. Stunde um Stunde fuhren wir, uns nur auf unseren gesunden Menschenverstand verlassend, über Hügel auf Wegen und Pfaden, die wir je nach der Himmelsrichtung einschlugen, durchquerten Ebenen und durchzogen Täler. Nicht selten war es der Fall, daß eine anscheinende Straße uns in unwegsames Gelände führte und uns auf Pfade brachte, die nur Ziegen erklettern konnten, so daß wir geduldig wieder zur ersten Weggabelung zurückkehren mußten. Wo wir konnten, zogen wir bei Hirten und bei Karawanenführern Erkundigungen ein, aber die Antworten waren stets unbestimmt. Die meisten zeigten nach Norden; Kiachta lag im Norden, und sie kannten keine bessere Art und Weise, dorthinzukommen, als indem sie sich nach dieser Richtung wandten.
Wir trauten den einsamen Pfaden nicht; oft stiegen wir vom Wagen, um zu untersuchen, ob die Wegspuren frisch oder alt seien, und zogen unbetretenes Gelände einem verlassenen Pfade vor, weil dieser stets aus irgendwelchen schwerwiegenden Gründen aufgegeben worden war. Das Aufgeben deutete aber eine Gefahr an. Wenn wir dann zu Fuß genauer nachforschten, fanden wir, daß weiterhin das Gelände überschwemmt oder sumpfig war, oder auch daß das Wasser eine breite Vertiefung ausgehöhlt hatte. Mitunter kam es vor, daß wir frische Wegspuren plötzlich unterbrochen fanden. Wenn wir nachforschten, so bemerkten wir am Grase, daß sie von der gewünschten Richtung abwichen, und wir taten dasselbe. So zogen wir aus den Erfahrungen der Nomaden und der Karawanenführer mannigfaltigen Nutzen. Leute, die vor mehreren Tagen hier vorbeigekommen waren und sich jetzt wer weiß wie weit von uns befanden, dienten uns als Führer, als ob sie noch zugegen wären und uns vorausschritten.
Um 2 Uhr nachmittags gelangten wir auf eine grüne Ebene, die mit Sträuchern und hohem Grase bewachsen war; im ersten Augenblick bemerkten wir nicht, daß sie eine Sumpfvegetation trug. Wir nahmen an, daß der Fluß Chara-gol nicht mehr allzu weit entfernt sein könne. Vor uns erhoben sich die ersten Gipfel der Argalberge. Mit einem Male sahen wir, daß die Straße verlassen war. Wir hatten kaum Zeit, rasch ein Wort zu wechseln, als das Automobil schon versank und plötzlich stillstand. Es war mit großer Geschwindigkeit in einen Sumpf gefahren, dessen von der Sonne ausgetrocknete Decke ganz den Anschein festen Erdreiches bot. Diesmal hatte sich die Maschine nach rechts geneigt.
Wir sprangen zur Erde und stellten eine seltsame Erscheinung fest, die uns sofort allen Mut benahm: der Boden schwankte unter unseren Füßen! Es war, als schritten wir über Korkstücke, die auf dem Wasser schwammen. Die Decke gab nach, ohne zu zerreißen; sie senkte sich unter dem Drucke des Fußes und erhob sich wieder, sobald der Fuß weggenommen war. Das Gelände machte den Eindruck einer weiten Kautschukfläche. Es war klar, daß sich unter einer dünnen Oberfläche tiefes Wasser befand; wir glaubten über einem abgrundtiefen Sumpfe zu wandeln. Wir wollten den Boden untersuchen und stießen den Spatenstiel hinein; wie in Wasser glitt der lange Stab hinab. Schrecken erfaßte uns, denn wir sahen ein, daß diese morastige Masse das Automobil verschlingen müsse, wenn es uns nicht gelänge, es sofort in Sicherheit zu bringen!
Wir blickten uns um. Wir waren allein. Die Ebene, schweigsam und heiß, lag öde vor uns. Wir begannen zu arbeiten, aber mit der Angst im Herzen, daß es vergebliche Mühe sein werde.
Wir erfüllten nur eine Pflicht; wir wollten nicht ohne Kampf unterliegen. So schickten wir uns an, unsere Maschine mit allen Kräften dem morastigen Abgrunde streitig zu machen, aber ohne Aussicht auf Erfolg, wie jemand, der dem Tode das Leben eines teuern, aber rettungslos verlorenen Wesens abzuringen sucht. Wir arbeiteten, um uns selbst zu betrügen, um uns der Illusion hinzugeben, als könnten wir etwas nützen, und wußten sehr wohl, daß wir drei allein nichts ausrichten konnten. Ortschaften gab es nicht in der Nähe, wo wir hätten um Hilfe bitten, von wo wir Arbeiter, Maschinen, Werkzeuge hätten holen können.