„Nein, nein; es ist nicht nötig!“
„Folgen Sie nur dem Telegraphen!“
Wir folgten ihm auf grasbewachsenen Wegen, über weite Ebenen und bergauf über Hügel. Oft kamen wir an Stoppelfeldern vorüber, an Dörfern, die sich an den Fuß bewaldeter Anhöhen schmiegten — Anhäufungen von kleinen, schwarzen, gleichförmigen Holzhäusern, überragt von einer weißen Kirche mit spitz zulaufendem Turm und grünem Dache. In der Nähe der Häuser drehten Windmühlen langsam das graue Kreuz ihrer Flügel. Der Regen hatte aufgehört.
Die ersten sibirischen Dörfer, durch die wir kamen, erschienen uns entzückend. Der verführerische Reiz der Ruhe, der Zauber des Landlebens liegt über ihnen. Mit ihren kleinen, aus Baumstämmen gezimmerten, von Zäunen umgebenen Häusern, die untereinander durch Bretter verbunden sind, um trockenen Fußes unter freiem Himmel gehen zu können, wenn es regnet und die Straße schmutzig ist, machen sie einen äußerst malerischen Eindruck. Wir Bürger des Westens lieben das rohe Holz, die rohen, mit der Axt behauenen und zu Hauswänden gewordenen Balken, weil sie uns vom Walde, von seinem Schatten, von seinem Leben erzählen. Holz findet man überall in Sibirien, es ersetzt das Eisen, es ersetzt das Mauerwerk, liefert die Hausgeräte und oft die Arbeitswerkzeuge. Man könnte sagen, daß, wie es eine Stein- und Bronzezeit gegeben hat, es auch eine slawische Holzkultur gibt. All dies spricht uns an, weil es schlicht und einfach ist, dunkle, ferne Erinnerungen an ein primitives, aber freies Leben und die Sehnsucht danach in uns wachruft. Die Häuser mit dem überhängenden Dache, mit der von einem schmalen, über die Straße vorspringenden Vordache geschützten Tür, die zum Eintritt einlädt, mit den kleinen Fenstern, deren weißgestrichene Pfosten und Rahmen sich heiter von der dunklen Wand abheben, machen den Eindruck des Friedlichen und Heimeligen. Sie zeigen Blumen auf den Fensterbrettern und Vorhänge an den Fenstern und erwecken die Vorstellung eines gut behüteten Wohlstandes, der sich zu verteidigen weiß. Bald aber macht man die niederdrückende Erfahrung, daß das erste Dorf dem zweiten gleicht, das zweite dem dritten, das hundertste dem neunzigsten und so ins Unendliche fort. Die Häuser sind alle auf dieselbe Art gebaut, die Kirchen sehen sich ähnlich wie ein Ei dem andern. Alles ist nach einer und derselben Schablone angelegt: eine breite Straße, um die Gefahren der Feuersbrünste zu verringern, und zu beiden Seiten von ihr die Wohngebäude; hinter den Wohnhäusern die Stallungen; in der Mitte des Dorfes, auf einer Wiese, die Kirche. Nichts, was einen Unterschied bieten könnte zwischen dem einen Dorfe und dem andern, den Namen ausgenommen!
Bei jedem Turme, der sich in der Ferne zeigt, hegt man die trügerische Erwartung einer Abwechslung. Die Kirche erscheint größer als die bisherigen, das Dorf schöner, und man wünscht, rasch hinzukommen, voll neubelebten Interesses und getrieben von dem Wunsche, etwas anderes als das ewige Einerlei zu sehen. Aber das Dorf gleicht doch den Nachbardörfern und auch denen, die in weiter Ferne liegen, wie ein Soldat dem andern. Rasch ruft die Gleichförmigkeit Eintönigkeit hervor und die Eintönigkeit Melancholie. Man denkt an die meisten Dörfer Italiens, von denen jedes seine besondere Physiognomie, seinen besonderen Gesichtsausdruck, seine besondere Persönlichkeit hat, die schon von weitem ruft: „Das bin ich!“
Einige Stunden führte uns die Straße von der Selenga ab in das kahle Tal ihres Nebenflusses Tschiko, den eine üppige Vegetation kenntlich macht. Nicht weit von der Mündung des Tschiko stoßen wir wieder auf die Selenga, deren weiße, milchige Fluten von üppigen, sich über das Wasser neigenden Gebüschen umrahmt sind. An dem Ufer stehen einige Bauernhütten, die aussehen, als ob sie den Fluß überschreiten wollten, um Nowi-Selenginsk zu erreichen, dessen weißen Kirchturm wir in wenigen Werst Entfernung über die Bäume hervorragen sahen.
Hier war der Ort unserer Einschiffung. Auf dem Flusse kam ein kleines, aus klaffenden Brettern verfertigtes Fahrzeug in Sicht. Wir stiegen ab. Die Barke befand sich auf dem andern Ufer des Flusses, wohin sie eine Telega befördert hatte, die in diesem Augenblicke zwischen den Gebüschen verschwand. Zwei alte Männer mit dichten, wirren Bärten näherten sich, begleitet von einigen barfüßigen Mädchen, die uns furchtsam betrachteten und bei unserem Nahen die Flucht ergriffen. Einer der Alten fragte, ob wir übersetzen wollten.
„Ja. Wird die Barke uns tragen?“
„Wieviel wiegt der Wagen?“
„120 Pud.“