Die eingestürzte Brücke würde uns viel Mühe bereiten, wenn wir sie so gut wie möglich wieder instand setzen wollten, und machte uns sehr besorgt, wie wir sie passieren könnten. Aber im Grunde genommen ließ sich auch diese Schwierigkeit ziemlich leicht überwinden. In den ersten Nachmittagsstunden waren wir wieder in Myssowaja, abermals die Gäste des wackeren Starosten, der uns herzlich wie das erste Mal empfing. Wir sandten sofort das Telegramm an den Generalgouverneur von Sibirien ab, in dem wir um die Erlaubnis baten, auf der Bahnstrecke fahren zu dürfen. Es blieb uns nichts übrig, als die Antwort abzuwarten.

In Myssowaja warten müssen, heißt die Bitterkeit der Deportation kosten! Wir hatten, offengestanden, wenig Vertrauen, daß jene Antwort rasch eintreffen werde. Der Gouverneur würde erst Beamte um Rat fragen betreffs Ort und Zeit, eine Untersuchung einleiten, die Sache vielleicht nach Petersburg berichten; dort würde der Minister des Innern die Angelegenheit an das Verkehrsministerium weitergeben, in dem ein höherer Rat einen Kommissar beauftragen würde, den Fall zu studieren und Bericht darüber zu erstatten ... Wir glaubten, einer der größten Schwierigkeiten, einem ungeheueren Hindernis gegenüberzustehen, gegen das sämtliche 50 Pferdekräfte des Automobils und alle Energie, über die wir verfügen konnten, nichts auszurichten vermöchten — einer Art von endlosem, grauem, weichem Gebirge, vor dem man nichts tun kann als abzuwarten und die Zeit und die Geduld zu Hilfe zu rufen! So schätzten wir die Bureaukratie ein. Wir hatten unrecht. Die russische Bureaukratie hat auf unserer ganzen Reise von einem Zollamte des Reiches bis zum andern für uns Wunder der Schnelligkeit selbständiger Entschließung vollbracht.

Während unserer Wartezeit durchstreiften wir Myssowaja. Wir gingen am Gestade des Sees spazieren und suchten zwischen den buntfarbigen Kieseln nach kleinen Onyxen und Achaten, klassifizierten die von den Wellen ans Ufer geworfenen toten Fische, kletterten auf den verlassenen Hafendamm und blieben vor den staubigen Schaufenstern eines kleinen Ladens stehen, um die ausliegenden verschiedenartigen Gegenstände zu mustern. Diese Unterhaltung verschaffte uns die Bekanntschaft des Apothekers von Myssowaja, eines aus den baltischen Provinzen stammenden Provisors, der uns zwischen seine Büchsen zog und uns den liebenswürdigsten Empfang bereitete. Die Apotheke wurde unser Lieblingsaufenthalt; wir brachten hier lange Stunden zu, schlürften unbekannte Liköre heimischer Erfindung und Herstellung und lauschten dabei den Jagdgeschichten des Apothekers, der Gewehre, Patronengürtel und Bärenfelle dicht neben den Flaschen mit Rizinusöl aufbewahrte. Er zeigte uns das dichte, noch frische Fell eines kleinen Bären, das zum Trocknen über einen Tisch gebreitet war. Man hatte es ihm soeben gebracht. Ein Jäger hatte das Tier mit einem Messerstich erlegt. Es gab Bären drei Kilometer von der Stadt auf der Hügelkette. Warum nicht eine Jagd veranstalten? Und hier, mitten unter den Drogen, entwarfen wir den Plan zu einer Jagd.

Von der Apotheke begaben wir uns nach dem Telegraphenamte, um Nachrichten von unseren Gefährten einzuholen. Sie waren gerade in Kiachta eingetroffen, und zwar in gutem Zustand. Sie hatten einen Teil des Weges auf unseren Spuren zurückgelegt. Am Iro waren jene wackeren Mongolen, als sie sie kommen sahen, treu der erhaltenen Weisung von selbst herbeigeeilt, um ihnen Ochsen anzubieten, indem sie durch Gestikulationen die Art und Weise klarmachten, in der wir das andere Ufer gewonnen hatten. Am Nachmittag desselben Tages, des 28. Juni, waren die beiden „de Dion-Bouton“ und der „Spyker“ nach Werchne-Udinsk aufgebrochen. Am nächsten Tage erfuhren wir, daß sie vormittags 9 Uhr an der Selenga bei Nowi-Selenginsk eingetroffen waren — dort, wo wir das erste Dampfboot gesehen hatten — und nach Überschreitung des Flusses um 11 Uhr weitergefahren waren. Wir rechneten aus, daß sie am nächsten Tage, 29. Juni, früh in Werchne-Udinsk und am 1. oder 2. Juli in Myssowaja sein könnten.

Zu Hause verbrachten wir die Zeit beim Samowar und machten eine Radikalkur in Tee durch, die nur unterbrochen wurde durch das Kosten der Sakuska, der russischen Vorspeise, die aus allen möglichen pikanten Bestandteilen zusammengesetzt ist. Der Pristaf kehrte zurück, es kehrten die Honoratioren des Ortes zurück, um uns schweigend Gesellschaft zu leisten, während die Menge in respektvoller Neugier vor der Tür haltmachte. Auch das Automobil, das im Hofe ausruhte, als guter Nachbar der alten Schlitten, die das Eis des Baikalsees kannten, erhielt seine Besuche; es war unaufhörlich umgeben von langhaarigen Muschiks in Filzstiefeln, von Kosaken und Kindern. Jeder, der durch die Straße kam, trat ein und sah es sich an. Außerhalb des Hofes standen stets wartende Pferde und Wagen. Wir mußten die Ungeduld des langen Wartens zügeln, als wir durch das mit blühenden Blumen geschmückte kleine Fenster den wieder klargewordenen Himmel beobachteten. Zwischen den Ranken hindurch sandten wir sehnsüchtige Blicke zu den Isbas längs des steinigen, verödeten Weges, der jetzt an der Sonne trocknete, und betrachteten den hinter ihnen unermeßlich sich ausdehnenden funkelnden Horizont des Baikalsees. Dann setzten wir uns wieder nieder und brummten:

„Wir verlieren wundervolle Tage, und wenn wir uns wieder auf den Weg machen, regnet es sicherlich!“

Am Abend des 28. Juni ließ sich ein Kaufmann bei uns melden, der den langen schwarzen Kaftan der russischen Juden trug. Er grüßte mit Unterwürfigkeit und fragte uns:

„Sie wollen nach Irkutsk reisen?“

„Ja, am 2. Juli.“