Letztes Einsinken der „Itala“ zwischen Kasan und Nischnij-Nowgorod.
Fünf Rubel! Die Müller waren geblendet von solchem Reichtum. Fünf Rubel! Sie sahen einander an und wechselten einige Worte. Es waren ihnen inzwischen Riesenkräfte und ein Löwenmut gewachsen. Sie wollten die fünf Rubel allein verdienen, sie würden zehn Automobile heben!
Sie gingen weg und kehrten mit den beiden Gefährten, die in der Mühle geblieben waren, eilends zurück; dann machten sie sich an die Arbeit. Nach einer halben Stunde schaufelten wir die Erde vor den Rädern weg, Ettore setzte den Motor in Tätigkeit, und das Automobil bewegte sich und hielt schließlich im Hofe der Mühle. Der Müller selbst hatte uns Gastfreundschaft in seinem armseligen Hause angeboten.
Er stellte das Mühlwerk ab. An diesem Abend wurde in der Mühle ein Fest gefeiert. Einer der Gehilfen langte nach einer Stunde mit einer riesigen Flasche Wodka an, die er im Dorfe gekauft hatte: die fünf Rubel begannen sich in Trunkenheit zu verwandeln.
Die blonden Männer tranken auf unser Wohl. Sie stürzten das schreckliche Getränk gläserweise hinunter, nachdem sie, das Glas in der Hand, dreimal das Zeichen des Kreuzes gemacht und ein kurzes Gebet gesprochen hatten: ein heiliges Trankopfer. Die Frauen saßen abseits und sahen schwermütig und schweigend zu. Schmutzige Kinder spielten in einer Ecke. Eine ewige Lampe brannte vor dem Bilde des Erlösers, das an der Wand der Isba hing.
Es dauerte nicht lange, so begann der Wodka seine Wirkung zu äußern. Der Müller wurde sich bewußt, daß er uns liebe! Er betrachtete uns zärtlich, seine blauen Augen füllten sich mit Tränen der Rührung. Wie er uns liebte! Er fühlte das Bedürfnis, beständig zu wiederholen: „Ich liebe Sie! Ich liebe Sie!“ Dabei umarmte er uns einen nach dem andern und küßte uns zärtlich auf die Stirn. Seine Leute äußerten ihre Zustimmung. Es sei recht und billig, uns zu lieben, man müsse uns lieben! Ihre tiefgefühlte Sympathie erstreckte sich auch auf unser Vaterland.
Warum seien sie in ihrem Leben nie Italienern begegnet? Ein Volk zum Anbeten! Alle Segnungen des Himmels wurden auf uns herabgerufen. Die junge Frau mit den ernsten, beinahe schmerzlichen Zügen benutzte die zärtliche Rührung ihres Mannes, um die Wodkaflasche fortzunehmen, ohne daß er es bemerkte, und sie in einer Ecke unter alten Lumpen zu verstecken.
Als wir erklärten, daß wir uns niederlegen wollten, verließen alle das Zimmer. Die Männer blieben aber noch lange vor der Tür der Isba, und wir hörten sie stundenlang die schwermütigen slawischen Lieder singen, die wie Gebete klingen. Als ihr Rausch unter dem Einfluß der Nachtkälte verflogen war, kehrten sie in die Mühle zurück, die ihr Geklapper wieder begann.
Wir hatten uns auf dem Fußboden ausgestreckt. Ich konnte nicht schlafen; große Ratten liefen im Zimmer umher. Mit einem Male fühlte ich einen frischen Luftzug. Ich bemerkte, daß sich die Tür ganz leise öffnete.
Ich erhob mich auf den Ellbogen und strengte die Augen im Dunkel an. Durch die Türöffnung drang ein Lichtschein, in dem ich die Person erkennen oder vielmehr erraten konnte, die sich so heimlich in unser Zimmer schlich: es war die junge Müllerin. Ich sah den Schimmer ihres langen weißen Hemdes. Horchend blieb sie auf der Schwelle stehen. Was wollte sie? Mit gespannter Neugier beobachtete ich sie.