Seit Moskau hatten wir nicht mehr bis zu so später Stunde geruht; aber die Güte der Straße gestattete uns, etwas länger im Bett zu bleiben, da wir sicher waren, rasch den festgesetzten Haltepunkt zu erreichen. Heute abend sollten wir in Landsberg a. d. W. sein, das nur 130 Kilometer von Berlin entfernt liegt. Das Programm zu unserem Empfange beruhte auf dieser Voraussetzung. Am nächsten Tage sollten wir um 9 Uhr in Küstrin eintreffen, wo uns viele Automobile des Kaiserlichen Klubs erwarten wollten, um uns nach Berlin zu geleiten; unseren Einzug in diese Stadt sollten wir punkt 12 Uhr halten; auf 1 Uhr war ein Frühstück im Kasino des Automobilklubs angesetzt.
Statt dessen waren wir schon am selben Tage in Berlin; wir waren zu schnell gefahren! Seine Gastfreunde warten zu lassen, ist schlimm, aber früher anzukommen, ist noch schlimmer! Wir mußten unseren groben Verstoß, der das ganze Empfangsprogramm über den Haufen warf, nach Möglichkeit wieder gutmachen, und dies geschah dadurch, daß wir uns in der Hauptstadt der Pünktlichkeit als nicht angekommen betrachteten! Offiziell waren wir noch unterwegs nach Berlin, und das Bankettprogramm blieb für den nächsten Tag bestehen. Nur der feierliche Empfang war unrettbar ins Wasser gefallen!
Der Weg von Preußisch-Stargard an war entzückend; der Himmel war strahlend heiter, wie wir ihn seit langer Zeit nicht gesehen hatten. Fast sechs Wochen lang waren wir vom Regen verfolgt worden. Es war auch der erste Tag, seit wir die Mongolei verlassen hatten, an dem wir in den ersten Morgenstunden nicht unter der Kälte litten. Je weiter wir auf unserer raschen Fahrt nach Süden kamen, desto mehr fühlten wir die Sommerwärme unsere Glieder umspielen. Welch angenehme Empfindung war diese Rückkehr in eine Atmosphäre wie unsere heimische, die wonnige Heimkehr ins Vaterland! Mit welcher Freude legten wir die Pelze zum Gepäck!
Von 6 bis 11 Uhr fuhren wir sogar 60 Kilometer in der Stunde und erfreuten uns an der unendlichen Poesie der mit reifendem Getreide und Blumen bedeckten Felder; hier und da tauchten Gehölze auf, zwischen denen die spitzen roten Dächer friedlicher Dörfer hervorlugten. Durch wie viele kleine Städte wir gekommen sind, weiß ich nicht mehr; phantastisch verwirrten sich kaum gesehene und wieder verschwundene Dinge, Bilder, die wie ein Blitz vor unseren Augen vorüberzuckten, während uns bei unserer schwindelerregenden Schnelligkeit der Wind um die Ohren sauste!
Mitunter führte die Straße so tief in das Dunkel der Wälder hinein, daß wir an die sibirische Taiga erinnert wurden. Die Kiefernwälder hauchten in der Sonnenwärme ihren Duft aus. Für kurze Zeit kehrten wir in die von der Hand des Menschen unberührt gebliebene Natur zurück. Schlankes Wild springt über die Straße, wie in den Wäldern des Urals. Nach wenigen Minuten aber schwindet der Schatten und der Wald liegt in weiter Ferne hinter uns. Unser Blick schweift über sonnenbeschienene Felder, auf denen Landleute das Getreide mähen. Es kommen riesige, mit Garben und Heu beladene Wagen, auf denen Scharen lustiger, die blitzenden Sensen in die Höhe haltender Leute sitzen.
Wir kommen durch Czersk, Flatow, Dörfer, die kleinen Städten gleichen, im Unterschied zu Rußland, wo viele Städte großen Dörfern gleichen. Wir kommen durch Deutsch-Krone und treffen um 11 Uhr in Landsberg a. d. W. ein; beide Städte haben schon einen gewissen Anstrich von Klein-Berlin. Während wir langsam die Hauptstraße entlang fahren, ruft eine ängstliche Stimme: „Fürst Borghese!“
Jemand läuft hinter unserem Automobil her. Der Fürst erkennt in dem uns Verfolgenden einen der Direktoren der „Itala“-Werke. Außer Atem, ohne Hut, mit geröteten Augen begrüßt er uns freudig. Ihm folgt ein blonder Kollege von mir, vom „Berliner Lokalanzeiger“, auch er mit bloßem Kopfe. Sie waren die ganze Nacht im Automobil umhergefahren und hatten uns von Stadt zu Stadt gesucht; sie waren bis Dirschau gekommen und hatten vergebens nach uns gefragt. Zweimal waren sie unter den Fenstern des kleinen Gasthofes in Pr.-Stargard vorübergefahren, in dem wir sanft inkognito schliefen. Sie glaubten schon an irgendeine furchtbare Katastrophe und vermuteten, wir seien samt dem Automobil zugrunde gegangen, als sie von dem Fenster einer Bierstube aus uns unvermutet vorüberkommen sahen!
Sofort verbreitete sich die Nachricht von unserer Ankunft unter der Menge, die sich um uns ansammelte.
„Die Chinesen!“ ruft man, „die Chinesen!“
Wie auf Zauberschlag erscheinen Zeitungskorrespondenten und Photographen. Die Straßenbahnwagen halten, und die Fahrgäste betrachten uns verwundert durch die Wagenfenster. Die Schaffner vergessen ihren Dienst und stellen sich auf die Plattform; Polizisten eilen herbei, um die Ordnung aufrechtzuerhalten. Staubbedeckt, mit unseren scheußlichen, in Petersburg eingeweihten Automobilbrillen, die uns das Aussehen von Fröschen verleihen, halten wir uns dieser Bewunderung so wenig würdig, daß wir uns in eine Bierstube flüchten, um Bier und Ruhe zu finden. Dann entschließen wir uns zur Weiterfahrt nach Berlin, und um 1 Uhr rollen wir von neuem in der offenen Landschaft dahin. Einige Stunden später begegnen wir drei beflaggten Automobilen; es sind „Itala“-Maschinen aus Berlin. Sie sind besetzt mit Kollegen vom Automobilsport und Journalismus, unter denen sich Korrespondenten der hauptsächlichsten Blätter Italiens befinden. Der Telegraph hatte, während wir in Landsberg ahnungslos das frische Bier tranken, den Berliner Zeitungen die Nachricht unserer Ankunft gemeldet, und die Herren waren uns entgegengefahren. Es ertönen Evvivas und Hochs, Grüße und Händedrücke werden ausgetauscht, bis sich unsere Karawane in Bewegung setzt.