Unser Automobil kostet inzwischen einen Vorgeschmack der Ruhe. Bekränzt mit Blumen und Lorbeer zeigt es sich Unter den Linden im großen Schaufenster der „Itala“-Gesellschaft. Die Menge drängt sich, es zu sehen; die Tür des Geschäfts ist geschlossen, um ein Eindringen zu verhüten; die Schutzleute müssen immer wieder die Straße säubern und den Verkehr herstellen. Wir sind gekränkt, unser „Tier“ dort zu sehen; sein unerwarteter Stolz beleidigt uns. Er macht Reklame!


Am Morgen des 7. August waren wir, bevor noch der Diener an unsere Türen klopfte, um uns zu melden, daß die Stunde des Aufbruchs gekommen sei, durch das Trommeln des Regens an die Fensterscheiben geweckt worden. Wir sahen eine neue lange, traurige Tagereise im Regen vor uns; in ungewohnter Liebenswürdigkeit hatte das Wetter aber nur die Straße sprengen wollen, um den Staub niederzuschlagen.

Im Augenblick, als wir das Automobil bestiegen, kam hier und da schon der blaue Himmel zum Vorschein. Der nasse Asphalt der breiten Allee „Unter den Linden“ spiegelte diese glückverkündende Heiterkeit des Himmels wider. Neben unserem Automobil warteten Automobile des Kaiserlichen Klubs, um uns bis Potsdam das Geleit zu geben, andere, Privatleuten gehörige Automobile und von Neugierigen gemietete waren erschienen, unserer Abfahrt beizuwohnen. Kurz, es schien hier das gesamte Automobilwesen vertreten zu sein, die Automobile des Luxus und die der Arbeit, die Aristokratie und die Demokratie des Motors.

Um 5 Uhr trafen die Vertreter der französischen Zeitungen ein. Sie fuhren auf drei „Itala“-Maschinen, die an beiden Seiten in großen Buchstaben die Inschrift: „Pékin–Matin“ trugen, in welchen Wortlaut der gewandte „Matin“ im letzten Augenblick die Inschrift „Peking–Paris“ umgeändert hatte.

Alles ist bereit, die Maschinen setzen sich in Bewegung. Ein begeistertes „Evviva!“ ertönt aus der Menschenmenge um uns, die großenteils aus Italienern besteht. Einige hatten den Mut gehabt, sich bei Tagesgrauen zu erheben; zahlreiche Herren dagegen waren noch nicht zu Bett gegangen und kamen im Gesellschaftsanzug. „Hoch! Glückliche Reise!“ Die Rufe wiederholen sich. Der Automobilzug entfernt sich durch die menschenleere Straße.

Immer wieder fahren Wagen aus der Reihe heraus und bleiben Seite an Seite mit uns, um ihre Abschiedsgrüße und guten Wünsche zu wiederholen und uns Blumen zuzuwerfen. Wir erheben keinen Einspruch mehr und nehmen alle Huldigungen hin. Wir sind nicht einmal mehr überrascht wie in Moskau, wo wir den ersten Beifall vernahmen. Wir lassen uns die Popularität gefallen als eine unvorhergesehene, unerwartete und das Maß überschreitende Belohnung für die frühere Einsamkeit. Die uns umgebende Atmosphäre der Anteilnahme bewegt uns tief; das Wohlwollen der Menge, wenn es auch unverdient ist, dringt uns doch ans Herz: dankbar lauschen wir dieser unablässigen, ernsten Stimme, die uns zuruft: „Glückliche Heimkehr!“

Die in Unordnung geratene Gruppe der Automobile, über denen deutsche und italienische Flaggen wehen, fährt durch das Brandenburger Tor und durchquert die berühmte Siegesallee, wo aus dem üppigen Grün des Tiergartens die Bildsäulen der großen deutschen Männer herausschimmern, wie zu phantastischer Heerschau aufgereiht. Nach wenigen Minuten befinden wir uns auf den noch schweigsamen Straßen der vorstädtischen Quartiere. Die Automobile wecken sie durch den mißtönenden Klang sämtlicher Hupen und Hörner, eine barbarische Fanfare, ein tolles modernes Hallali!

Bald entschwinden die Kuppeln und Zinnen unserem Blick; wir kommen in eine Villen- und Gartenstadt. Berlin mit seiner ernsten Pracht liegt schon fern, auch diese Stadt nur noch eine flüchtige, freundliche Erinnerung wie Petersburg, wie Moskau! Wir haben jetzt keine andere Hauptstadt mehr vor uns als Paris.