„Gefangen, Monsieur Aimé! Hier also habe ich Sie erwischt, und das ganz zufällig, weil ich in diesen Graben fiel und ohne Sie zu bemerken auf die andere Seite hinüberging!“ schrie Rose, mich so schnell am Ärmel fassend, dass ich kaum Zeit hatte den Brief in die Hosentasche zu stecken, da ich beim Spiel kein Gilet anhatte. Die Gäste gingen, von Honoré begleitet, im Mondschein fort und nahmen noch lange im Chor auf der Strasse Abschied. Ich hatte Kopfschmerz vorgeschützt und eilte nach oben. Véronique ging lange nicht fort und quälte mich mit ihren ärztlichen Ratschlägen; endlich war ich allein, steckte eine Kerze an und las:
„Wenn Sie ein kühnes und empfindsames Herz besitzen, ohne das man der Liebe einer Frau nicht würdig werden kann, wenn Sie nicht durch einen Schwur gebunden sind — werden Sie Mittwoch um halb acht Uhr bei der Kirche St. Roche sein; aus der ‚Rue des Quarante Vièrges‘ wird eine Frau mit einem Korbe am rechten Arme herauskommen, an Ihnen vorübergehend, wird sie Sie mit dem Ellenbogen berühren, was die Aufforderung ihr zu folgen sein wird. Gehen Sie auf der anderen Seite der Strasse, ohne Ihre Führerin aus dem Auge zu lassen, und Sie werden sehen, welch ein Lohn des Mannes harrt, der erfüllt, was sein anziehendes und ehrliches Gesicht verheisst. Als von einem edlen Manne wird von Ihnen vollkommene Diskretion erwartet.“
Fünftes Kapitel
Die Frau war an den Seitenflügel des Hauses von Madame de Tombel herangetreten, blieb stehen und winkte mich mit der Hand an ihre Seite. Ich schlüpfte ihrem beim Schein der Sterne kaum sichtbaren Kleide nach durch ein Pförtchen, das ich vorher nie vermutet hatte. Nach ein paar Schritten über den Gartenweg, betraten wir das Haus durch eine bereits geöffnete Tür: meine Begleiterin fasste mich bei der Hand und führte mich sicher, ohne Kerze, durch eine Reihe von Zimmern, die matt, nur von den durchs Fenster funkelnden Sternen erhellt wurden.
Ich stiess an einen Stuhl, wir blieben stehen; ich konnte das Klopfen meines Herzens vernehmen und hörte Mäuse pfeifen; gedämpft, wie aus der Ferne, kamen Klänge eines Clavecins herüber. Vor der Tür, hinter welcher die Klänge laut wurden, machte meine Begleiterin halt und klopfte zweimal; die Musik verstummte, die Tür ging auf und wir betraten ein kleines Zimmer mit leichten Paravents im Hintergrunde, die Dochte der eben verlöschten Kerzen auf dem Instrument glimmten noch rauchend, das Zimmer wurde von einer Nachtlampe erleuchtet, die in einer durchsichtigen rosa Schale brannte.
„Warten Sie,“ sagte die Frau, die durch eine andere Tür das Zimmer verliess. Nachdem ich eine Weile gestanden hatte, setzte ich mich und begann das Zimmer zu betrachten. Ich war selbst über meine Ruhe erstaunt. — Irgendwo schlug es acht. Eine andere Uhr antwortete dumpf in der Ferne. Auch die Bronzeschäferin vor dem Spiegel läutete fein achtmal. Mir scheint, ich war eingeschlummert und erwachte, weil ich gleichzeitig das Licht einer Kerze dicht vor meinen Augen spürte, einen Kuss und den Schmerz von einem heissen, auf meine Hand geträufelten Wachstropfen fühlte. Vor mir stand in reizendem Negligé Madame Louise de Tombel, die mich mit dem Arm umfing, in dessen Hand sie einen himmelblauen Porzellanleuchter mit einer Kerze hielt. Durch meine jähe Bewegung fiel die Kerze zu Boden und verlöschte. Madame de Tombel flüsterte mir unter Lachen und Küssen zu:
„Er schlief, er schlief in der Erwartung! O Ausbund von Tugend!“
Sie war augenscheinlich zufrieden mit mir, denn sie hatte mir ein neues Stelldichein nach vier Tagen gewährt und begleitete mich durch zwei Zimmer, von wo mich dieselbe alte Marguerite hinausgeleitete. Es war schon hell, ich eilte an einer grossen Pfütze vorbei, blieb aber doch stehen, um mich zu spiegeln, wobei ich mich bemühte meine Züge zu betrachten, als seien es die eines Fremden. Ich sah ein rundliches Gesicht mit hellgrauen Augen, einer Stumpfnase, einem grossen Munde und vollen goldigen Brauen, die Wangen waren pfirsichfarben und mit einem leichten Flaum bedeckt; kleine Ohren, lange Beine und ein hoher Wuchs vervollständigten das Äussere des glücklichen Sterblichen, welcher der Liebe von Madame Louise de Tombel gewürdigt worden war.
Sechstes Kapitel
Als ich einmal zur gewohnten Stunde zu Louise kam, fand ich sie in Tränen aufgelöst und verstimmt; sie teilte mir mit, dass gewisse Dinge sie nach Paris riefen, und sie wisse nicht, wann und ob sie überhaupt zurückkehren werde. Ich war wie vom Schlage gerührt und hörte die weiteren Einzelheiten des nahenden Unheils nur schlecht.