Wie sie mich auf die Seite kehrten, um mich durch die Tür zu tragen, rollte etwas auf den Fussboden, von dem — der Sommer war schon nahe — die Teppiche bereits entfernt worden waren. Einer von den Männern, die mich trugen, hob den heruntergefallenen Gegenstand auf und reichte ihn der alten Dame mit den Worten:

„Ein Ringchen! Haben es mal aufs Couchettchen fallen lassen und da ist es denn hinter den Bezug geglitten.“

„Es ist gut. Danke!“ sagte Tante Paula, erbleichend, und ging aus dem Zimmer, nachdem sie hastig den Ring mit dem stachelbeergrossen Smaragd in ihr Ricule gesteckt hatte.

Flügel

Erster Teil

Im Waggon, der gegen Morgen etwas leerer geworden war, wurde es immer heller; durch die beschlagenen Fenster sah man auf Wiesen hinaus, deren Gras fast giftgrün war, trotzdem der August sich schon zu Ende neigte, aufgeweichte Wege schlängelten sich ins Land, Milchfrauen mit ihren Wagen warteten vor einem herabgelassenen Schlagbaum, Bahnwärterhäuschen und die bunten Sonnenschirme spazierengehender Sommerfrischlerinnen huschten vorüber. Auf den häufigen und einförmigen Haltestellen begannen neue Vorortspassagiere mit Ledermappen unter dem Arm den Wagen zu füllen, und man sah, dass der Waggon, die Fahrt, für sie keine Epoche, nicht einmal eine Episode des Lebens bedeuteten, sondern der gewohnte Teil eines täglichen Programmes waren, und die Bank, auf der Nikolai Iwanowitsch Smurow mit Wanja sass, schien die wichtigste und bedeutungsvollste des ganzen Wagens. Die festverschnürten Handkoffer, die Porteplaids mit den Kissen, der gegenübersitzende alte Herr mit dem langen Haar und der unmodernen Reisetasche über der Schulter, das alles sprach von einer weiteren Fahrt, von einer weniger gewöhnlichen, mehr epochemachenden Reise.

Wanja sah auf den rötlichen Sonnenstrahl, der sich unruhig durch die Rauchwolken der Lokomotive brach und hin und wieder über das dummerhaft scheinende Gesicht des schlafenden Nikolai Iwanowitsch glitt, ihm fiel dabei die knarrende Stimme dieses selben Vetters ein, der ihm dort, weit, „zu Hause“, gesagt hatte: „Geld hat Mama dir keins hinterlassen; du weisst, wir sind selbst nicht reich, aber, als dein Vetter bin ich bereit, dir zu helfen; du hast noch lange zu lernen, zu mir kann ich dich nicht nehmen, ich werde dich zu Alexej Wassiljewitsch in Pension geben und dich besuchen; dort geht es lustig her und man kann dort viele nützliche Leute treffen. Gib dir Mühe; wir wären mit Natascha gern bereit dich zu uns zu nehmen, aber es geht unmöglich; und du selbst wirst es bei Kasanskis heiterer haben: dort gibt es immer junges Volk. Ich werde für dich zahlen; wenn wir die Erbschaft teilen werden, ziehe ich meine Auslagen ab.“ Wanja sass im Vorzimmer auf dem Fensterbrett und hörte zu, dabei betrachtete er die Sonne, die eine Ecke des Koffers, die grau und lila gestreiften Hosen Nikolai Iwanowitschs und die gestrichene Diele beleuchtete. Er gab sich keine Mühe den Sinn der Worte zu verstehen und dachte wie seine Mutter gestorben war, wie plötzlich das ganze Haus sich mit Weibern gefüllt hatte, die früher ganz fremd gewesen und jetzt ungewöhnlich nahe zu stehen schienen, er erinnerte sich an alle die Besorgungen, die zu machen waren, die Seelenmessen, die Beerdigung, und ihm fiel ein, wie es plötzlich, nachdem alles vorüber gewesen, leer und öde geworden und ohne Nikolai Iwanowitsch anzusehen, wiederholte er nur mechanisch: „Ja, Onkel Kolja,“ obgleich Nikolai Iwanowitsch gar nicht sein Onkel, sondern nur ein Vetter von ihm war.

Und jetzt schien es ihm sonderbar mit diesem trotz alledem ganz fremden Menschen zusammen zu reisen, sich so lange in seiner Nähe aufzuhalten, sich mit ihm über seine Angelegenheiten zu unterhalten, Pläne zu machen. Und er war etwas enttäuscht, obgleich er es schon früher gewusst hatte, dass man bei der Ankunft in Petersburg nicht gleich ins Zentrum der Paläste und grossen Bauten, unter Volksandrang, bei Militärmusik, durch ein hohes Tor einzieht, sondern dass der Weg an langen durch graue Lattenzäune sichtbaren Gemüsegärten, an Kirchhöfen, die aus der Ferne wie romantische Haine aussahen, an sechsstöckigen unter verfallenen Holzhäuschen aufragenden muffeligen Arbeiterkasernen vorbeiführt, dass man durch Russ und Rauch hindurch muss. Also das ist Petersburg! dachte Wanja enttäuscht und interessiert, wie er in die unfreundlichen Gesichter der Gepäckträger blickte.

*

„Hast du sie durchgelesen, Kostja? Kann ich?“ fragte Anna Nikolajewna, vom Tische aufstehend und griff mit ihren langen schon um diese frühe Morgenstunde mit billigen Ringen bedeckten Fingern nach einem Stoss Zeitungen, in denen Konstantin Wassiljewitsch gelesen hatte.