DRITTES BUCH
ERSTES KAPITEL
DER ABSCHIED VON ROXANE. Der Winter, verbracht in Frieden und Muße, quälte Alexander mit undeutlicher und unbestimmter Sehnsucht und oft, im Frühling schon, mit seinem Freunde Hephaistion auf der Terasse sitzend, seufzte der König nach fernen Feldzügen. Dieses Streben lobend, riet der Freund dem Könige nach dem Osten zu wandern, in das indische Reich, durch Wüsten; Gestirne des Himmels zu Führern, und Sternenreigen. Der König küßte den Freund und ging zu der Königin Roxane. Die Königin saß am Fenster, ohne etwas zu tun, gelangweilt von Alexanders Kälte, denn, obwohl sie die Gemahlin des Königs hieß, so blieb sie doch Jungfrau zu ihrem großen Ärger. »Was belieben, Sie, König?« fragte sie ohne an den Gemahl ihr breites, grell geschminktes Gesicht zu wenden. — »Mein Schwert und den Feldmantel such ich, Frau Königin«, antwortete Alexander. »Schicken Sie sich denn an, in neue Feldzüge zu gehn?« fuhr Roxane fort, die Augen von den gemalten Fensterscheiben nicht wendend. »Ja, Herrin!« — »Es wäre nicht übel, wenn Sie mich vorher benachrichtigten, damit ich Ihnen etwas zum Andenken sticken könnte.« »Sie werden auch ohnehin in meinem Andenken herrschen!« Die Königin erging sich im Zimmer und wandte sich wieder an den Gemahl: »Was ist Ruhm? Ist es ein Rauch? Sie sollten einen Sohn haben, als würdigen Erben.« Und sie ließ sich auf den Fußboden zu den Füßen des Helden nieder. Alexander antwortete lange nichts, lächelnd und in Roxanes Locken spielend, dann sprach er: »Herrin, sticke mir einen Siegesmantel, bringe Opfer den Göttern dar, uns Männer aber laß die Männergeschäfte entscheiden!« Der König verließ eiligen Schritts die Gemächer der Königin, und jene saß lange in der Dunkelheit, mit den Händen die Schläfe pressend, die der Gemahl geküßt hatte; nicht hörend die Hörner und das Wiehern der Pferde, das Stampfen der Lanzen und die dumpfen Paukenschläge. Leer war der dunkle Platz, als Roxane in das Fenster blickte, und eine kleine Lampe erzündend, setzte sie sich zum Sticken hin, und verlor böse, karge Tränen.
DIE WANDERUNG IN DER WÜSTE. Das Heer wußte nur unklar, wohin es ging, die Feldherrn ebenfalls, und nur die Sicherheit der wolkenlosen Stirn des Königs hielt sie vom offenen Murren zurück. Von den Sternen acht Tage geleitet, kamen sie in Fruchtwälder, deren Einwohner Tieren glichen, und in ein Grasland, wo an Stelle von Hunden an den Häusern Flöhe und Kröten angekettet waren, und in ein Sumpfland, wo die schamlosen Einwohner bellten und nur durch Feuer in die Flucht gejagt werden konnten. Und weiter zogen sie und wunderten sich, über die Greifen, die stummen Völkerschaften, die Halbhunde, den einäugigen Tiger, die im Feuer lebenden Salamander, den Baum, der gegen Abend eine wohlriechende Träne vergießt, die sechsfüßigen dreiköpfigen Pardeln. Und aus dem warmen Nebel sangen zarte aber strenge Stimmen: »Mache Halt, König, mache Halt!« Aber Alexander rief laut in die Dunkelheit: »Ich will den Rand der Welt sehen!« Und sie gingen wieder weiter, die Müdigkeit und das Murren durch die Liebe zum König betäubend. Endlich verkündete ihnen ein warmer und dichter Nebel die Nähe des Meeres. Im rosigen Nebel war das Meer nicht zu sehen, aber sichtbar waren die kaum blinkenden Lampen auf den Masten der Schiffe. Der König bestieg ein Schiff, das niemand kannte, und fuhr ab, ins dichte, leis und zischend schäumende Naß. Zur Linken war eine bewaldete hohe Insel sichtbar, von der griechische Worte herüberklangen, aber die Sprechenden waren nicht zu sehen, und die Mutigen, die im Schwimmen das wunderbare Ufer zu erreichen suchten, wurden von unsichtbaren Händen in den Strudel gezogen. Endlich war der Nebel so dicht, daß er wie eine Porphyrmauer erschien, und der König war genötigt, ans Ufer zurückzukehren. Lange stand Alexander vor dem Nebelmeer, und dann begab er sich mit einem Seufzer in die Tiefe des Landes.
DAS GEBIET DER FINSTERNIS. Bald erreichten sie ein finsteres Land, ohne Dämmerung, Sonne und Mond, wo sie das Land der Seeligen vermuteten. Um den Weg in der Finsternis nicht zu verlieren, wurde eine Eselin von ihrem Jungen getrennt und, indem man die erstere vorausließ, hielt man das andere vor dem Heere, damit man durch die Schreie der Mutter geleitet werde. Aber ein sonderbares Licht beleuchtete den unterirdischen Weg den Wanderern. Die Gegenstände in ihrem Wege erschienen grau und unbestimmt, wie nach dem Schlaf. Bald kamen sie an einen traurigen, hügeligen Ort; der Wind brachte von links einen schweren Gestank und die Eselin schrie in der Ferne kaum hörbar. Die Fledermäuse, dahinjagend über ihre Köpfe, schienen zu zischen: »Biegt nach links.« Die Wanderer fanden bald einen See ganz von Menschen erfüllt, so daß kein Wasser zu sehen war, und nur Köpfe, Schultern und Arme. Unter der Erde hervor drang Stöhnen und Wehklagen, gleichsam wie während des Sturmes aus dem Innern eines Schiffs. Aber alle Stimmen wurden von der Stimme eines Riesen übertönt, der an einen spitzen Felsen gefesselt war; fünf Tage Weges weit war dieses Weheklagen zu hören. Ihnen entgegen kamen Haufen von Menschen, Männer und Frauen, alle entblößt, die von flammenblickenden Vögeln mit Nesselpeitschen gejagt wurden. Mit zerzausten Haaren blickten die Gejagten wild den König an und riefen mit ausgestreckten Armen: »Hast Du, König Alexander, die Liebe gekannt?« Der König richtete seine Augen auf Hephaistion und wiederholte langsam: »Habe ich die Liebe gekannt?« aber die grauen Menschen, heiser bellend, waren schon vorbeigezogen, gebeugt unter den Schlägen der Nesselpeitschen. Von der Bergfläche herabsteigend, betraten sie offenbar das Kupferland, so schallend verbreitete das Echo das Gestampf der Hufe. Alexander erschrak, indem er sich an die Weissagungen des Antiphon erinnerte, er werde sterben im eisernen Lande unter beinernem Himmel. Aber auch diesen Weg wanderte man zu End, ohne auf die nunmehr unaufhörlichen Stimmen und Weheklagen weiter zu hören. Auf einmal überraschte eine plötzlich eingetretene Stille ihr Gehör. Rechts ragte ein dichter Wald hinter hoher Umfriedung, eine Quelle glänzte im Silber murmelnd am Eingang, und der Himmel erschien durch die dichten Zweige durchsichtiger, grünlich zart erschimmernd. Das Wiehern der Eselin in der Ferne verstummte. Der König näherte sich dem Haine, nahm den Helm ab und blickte prüfend auf den helleuchtenden Himmel. Plötzlich tat sich das Tor leicht auf und aus dem schweren Dickicht trat ein nackter Jüngling mit hoher Lanze, auf deren Spitze ein wunderbarer Topas gelb schimmerte. Mit zärtlicher Stimme, wie eine Turteltaube sagte er: »König Alexander, das ist die Stätte der Seligkeit; niemand kann hier lebend eintreten selbst du nicht, der an diesen Ort kam, den noch kein Menschenfuß betrat. Freue dich, du wirst bald hierherkommen, auch ohne deinen Wunsch.« Und mit traurigem Lächeln verschwand der Knabe und das Tor schloß sich von selbst, und der König führte schweigend sein Heer weiter, dem Wiehern der Eselin nach, bis er ins weiße Licht kam, in Sonne, Mond und Sterne, und wo Gras die liebe schwarze Erde bedeckt.
ZWEITES KAPITEL
DAS MURREN DER SOLDATEN. In Indien nahm Alexander die Gesandten des Poros an, des Königs von Indien, der davon abriet, gegen den Gott Dionysos zu kämpfen, welcher ihm, Poros, beistehen sollte. Der König antwortete: »Mit einem Gott kämpfe ich nicht, aber ich fürchte auch nicht aufgeblasene Barbarenworte.« Die Feldherrn Alexanders jedoch, gewahrend, daß der Weg noch ferne hin sich zöge, die Berge immer unzugänglicher würden, die angetroffenen Tiere immer wunderlicher, bewegten die Soldaten, daß sie sich weigerten, dem Könige zu folgen. Alexander las im Zelte den Homer, als er zu den Soldaten gerufen wurde. Das Lager befand sich in einem schmalen Tale, sodaß der frühen Stunde ungeachtet, das lilafarbne Licht nur auf den Gipfeln der Berge lag. Die Menge schrie: »Wir sind nicht unsterblich, wir sind nicht Kinder Ammons! Wir brauchen Nahrung! Wohin hast du uns gebracht! Wir fürchten uns! Weiter gehen wir nicht: Geh allein!« Der König schwieg lange, die Augen gehoben zu den schweren Wolken, die rosig wurden. Dann erscholl hell und weit seine Stimme: »Bleibt hier, oder kehrt nach Hause zurück, das sei eure Sache. Ich werde auch ohne euch weiter ziehen, und wenn ichs allein tun muß. Wie die Sonne nicht ihre Bahn ablenken kann, weder nach rechts noch nach links, so kann auch ich nichts mehr an dem mir vorbestimmten Ruhm ändern!« Hephaistion und die zunächst stehenden Jünglinge stürzten hin, und küßten das kurze Kleid des Königs mit den Rufen: »Wir sterben mit dir!« »Mein Ruhm ist euer Ruhm!« antwortete der König und ging ins Zelt. Gegen Morgen rückten die beruhigten Heere weiter, den Horden des Poros entgegen.
DIE SCHLACHT MIT POROS. Auf den Gipfel des Berges gestiegen erblickten die Griechen plötzlich eine endlose grüne Ebene, weiße Tempel mit blauen Bassins, Felder unbekannten Korns, dünne aber zahlreiche Waldungen, mit roter Erde bestreute Wege und in der Ferne das ruhige blendend blaue Meer. Der Wohlgeruch der Feld- und Sumpfgräser drang sogar bis zu den Bergen, Vögel mit bunten Schöpfen flogen von Palme zu Palme, Schmetterlinge schwirrten schwer auf lila und rosa Blumen. Bienen summten in der stehenden Hitze. Über das ganze nahe Feld waren weiße Zelte verstreut, und hohe schwarze Menschen in weißen Kleidern mit Lanzen in den Händen, wachten vor Scheiterhaufen. Zur Seite, wie eine Herde, lagen Panther und Tiger spielend zwischen den Beinen unbeweglicher Elephanten. Da der König Kriegstiere mehr fürchtete, als das Heer selbst des Poros, hieß er kupferne Gestalten von Menschen machen, sie bis zur Rotglut erhitzen und vor die Krieger stellen, sodaß die von den goldenen Ketten freigelassenen Tiger zurücksprangen, mit Geheul im Grase vor Schmerzen sich wälzten, dann sich wieder auf andere Abbilder stürzten, oder mit Gewinsel der Geißel des Aufsehers Gehorsam verweigerten. Zur Nacht gingen die Gegner auseinander, um mit der Dämmerung wieder den Kampf zu beginnen. So dauerte dies acht Tage; am neunten schlug Alexander Poros vor, den Streit durch Zweikampf zu entscheiden, obwohl Alexandern von solchem Schritte abgeraten wurde, indem man ihm vorhielt, König Poros sei ein ruhmreicher Zweikämpfer, und beinahe zwei Ellen größer von Gestalt. Am zehnten Morgen begannen die königlichen Gegner vor den Heeren ihren Zweikampf. Poros war groß von Gestalt und biegsam, mit einem roten kleinen Schurz auf seinem braunen Körper; der Kopf mit roter Seide umbunden, glänzte wie ein roter Rubin, sein Gesicht war regelmäßig und jugendlich schön, und der Blick der großen niedrig stehenden Augen versetzte schüchterne Menschen in ein abergläubisches Beben. Die Feldherrn und die Soldaten verfolgten schweigend den Gang des Kampfs, während die indischen und griechischen Priester Opfer brachten, jedes nach den Gebräuchen ihres Glaubens. Alexander warf rasch den Indier um, preßte mit den weißen Händen seinen schwarzen Hals zusammen und ließ ihn lange nicht aus. Endlich erscholl die ruhige Stimme des griechischen Königs über das weite Feld: »Ihr indischen Leute, schickt eurem König Ärzte. Unser Streit ist zu Ende, nicht mit euch kämpfe ich, ich hatte nur einen Feind — König Poros.« Der Indier lag rücklings da, ruhig die Arme gebreitet und mit geschlossenen Augen, ohne zu atmen. Von den fernen Bergen flog ein Geier herunter, setzte sich dem Toten auf die Stirn und dreimal auf seinen schimmernden Rubin hackend, erhob er sich wieder langsam in die nebligen Berge.
DRITTES KAPITEL
DIE BRACHMANEN. Die Weisen, Brachmanen genannt, sandten Alexander ein Schreiben, in dem sie baten, sie geruhig und im Gebet ihre Tage führen zu lassen. Der König war begierig, sie selbst zu sehen, obwohl nicht diese berechtigte Neugier allein ihn zum Besuch zu bewegen schien. An einen gleichwie Milch trüben Fluß gelangt erblickten die Wanderer bärtige und bartlose Menschen, ganz nackt, unter den Zweigen eines wilden Pflaumenbaums liegend und Schweigen wahrend; manche lagen da mit untergeschlagenen hageren Beinen und schiefblickenden Augen, die erhobenen Arme im Ellbogen gekrümmt. Alexander im kurzen roten Mantel trat zu den Weisen, begrüßte sie und begann Fragen zu stellen. Den König umdrängend mit halbgeschlossenen Augen, gaben die nackten Weisen mit stillen Stimmen Antworten.