Frage: Gebiert die Nacht den Tag, oder ist der Tag der Vater der Nacht?

Antwort: Die Nacht ist unsere Urmutter, wir wachsen im Dunkel und streben zum nievergehenden Licht.

Frage: Habet ihr einen Abt?

Antwort: Unser Ältester ist Dandamis.

Frage: Möchte ihn küssen!

Der König wurde durch einen schattigen Hain zu dem Greise geleitet, der so mager war, daß ein leichter Windhauch zu genügen schien, seine gedunkelte Körperlichkeit zu verwehen. Seine Lider waren gesenkt und auf großen Blättern vor ihm lag eine Melone und einige Feigen. Er erhob sich nicht beim Nahen Alexanders, öffnete nicht einmal die Lider, die nur leise aufzuckten. Sein Bart zitterte und seine Stimme war so schwach, daß der König sich bücken mußte, um sein prophetisches Lallen zu vernehmen. Mit einem Lächeln nahm der Greis in die dürre Hand das Gläschen Öl entgegen, das ihm der König darbrachte, aber er weigerte sich, Gold, Brot und Wein zu empfangen. Ein kaum hörbares Flüstern säuselte wie ein wankendes Rohr: »Wozu führst du immer Krieg: Wenn du auch alles besitzen wirst — kannst du es denn mit dir nehmen?« Alexander rief schmerzlich: »Wozu bewegt der Wind das Meer? Wozu verstäubt der Orkan den Sand? Wozu jagen die Wolken und biegt sich der Rebenzweig? Wozu bist du als Dandamis geboren und ich als Alexander? Wozu? — Erbitte, du Weiser, was du willst, alles gebe ich dir, ich der Beherrscher der Welt!« Dandamis zog ihn an der Hand und flüsterte freundlich: »Gib mir Unsterblichkeit«. Erbleicht riß Alexander seine Hand aus den Händen des Greises und ging schnell ohne sich umzuwenden aus dem Schatten des Hains zum Flusse, wo auf milchiger Nässe fette kropfige Enten knarrten und Mücken in Reigen schwirrten.

VIERTES KAPITEL

DIE WEISSAGUNGEN DER BÄUME. Breite palmenbepflanzte Straßen, weite, bald weiße bald bunte Tempel, eine geräuschvolle Menge ergötzten die müden Blicke der Ankommenden. Die Einwohner waren ergeben und freundlich. Ein alter Priester mit hohem Stabe aus schwarzem Holz führte den König herum, die Seltenheiten der Stadt weisend. Das merkwürdigste Wunder war der Garten, in dessen Mitte zwei Bäume wuchsen, in der Art von Zedern, mit Tierfellen zugedeckt. Auf die Frage des Königs antwortete der Führer: »König du siehst zwei heilige Bäume: Der eine heißt das Mannsgeschlecht und ist dem Sonnengotte geweiht, der andere, der Mondgöttin geweiht, heißt das Weibsgeschlecht. Die Tierfelle sind Gaben der Pilger, wobei die Felle der Männchen auf den Sonnenbaum gelegt werden, und die der Weibchen auf den Mondbaum. Dreimal am Tage und dreimal nachts verkünden die Bäume das Schicksal bei Sonnenaufgang. Zenit und Neigung der Sonne und des Nachtgestirns. Wenn du dein Schicksal zu erkunden beliebst, reinige dich, entwaffne dich, und tritt betend zu den Bäumen.« Zornigen Blick sprühend rief Alexander: »Wenn die Sonne untergehen wird, ohne daß ich die Stimme vernehme, so werde ich euch lebendig verbrennen!« Der Priester neigte sich und ging weg, und der König begann, nachdem er die geforderten Gebräuche erfüllt hatte, zu beten, die Hand auf den Stamm eines heiligen Baumes gelegt. Schon glänzte die Sonne rot mit rotem Rande über den dichten Hain und der König wollte zornerfüllt fortgehen, als auf einmal, gleich einem fernen Gong eine tiefe Männerstimme sang: »König Alexander, bald wirst du durch die Inder verderben!« Ohne sich zu rühren stand der König da, wie versteinert; bis die rasche Dämmerung die neue trübe Röte des nächtlichen Gestirns brachte, und aus dem Laub des benachbarten Baumes eine dunkle Frauenstimme ertönte: »Armer König Alexander, wirst nimmermehr deine Mutter Olympias schauen: In Babylon wirst du sterben.« Der verwirrte König trat zu seinem Gefolge, das auf ihn hinter der Umzäunung wartete; auf die Frage des Königs, ob auf die Bäume Kränze gelegt werden dürften, antwortete der Priester: »Es ist verboten, doch wenn du willst, tue es; nicht für dich, göttlicher König, sind die Gesetze!« Alexander folgte und entfernte sich in seinen Palast. Die ganze Nacht zechte er mit seinen Freunden, an die Feldzüge und an die Gefahren zurückdenkend, aber kaum graute der leichte Morgen, da verließ der König, dringende Geschäfte vorhaltend, den Saal und begab sich von Neuem zur geheiligten Umfriedung. In Sehnsucht beugte sich der König vor dem Baume, und als die Sonne die ersten Strahlen auf die Wipfel spritzte, und purpurgoldene Vögelchen auf biegsamen Zweigen sich rührten, da erklang eine hohe Kinderstimme gleichsam von der Kuppel des hellen Blaus herniedersinkend. »Alexander, Alexander, in Babylon wirst du sterben, nimmer umarmend, die dich geboren. Prüfe nicht mehr das Schicksal, wirst keine Antwort haben!« Ohne jemand etwas zu sagen, trat der König in sein Gemach und schlug die Schriftrollen auf, und als der eintretende Freund fragte: »Warum bist du, König, so bleich?«, da antwortete Alexander: »Ich schlafe wenig; Arbeit und Müdigkeit nehmen mir die Röte!« Bald begann er von Plänen für neue Feldzüge zu sprechen.

DIE ERFORSCHUNG DER LUFT. Alle wurden durch den Befehl des Königs verwundert, einen geräumigen Käfig anzufertigen, und gleicherart ein gläsernes Gefäß in Form eines Eies, sieben Paar kräftige Gebirgsadler zu fangen und ein keusches Mädchen zu finden, das noch keinen Mann gekannt. Als alles erfüllt war, rief der König das Volk zusammen auf ein freies Feld hinter der Stadt, und auf eine Anhöhe sich stellend, sagte er: »Ich habe Europa und Asien besiegt, das alte Ägypten und das wunderbare Indien, den Süden, Osten, Westen und Norden; ich habe große Könige niedergeworfen; ich zog über die ganze Erde von Ende zu Ende; ich war im Reich der Finsternis und sah die Stätte der Seligen. Jetzt werde ich die Elemente besiegen, die leichte Luft und das fließende Nasse, ich bin Alexander, der Sohn des lybischen Gottes!« Alexanders Gesicht war bleich, aber seine Stimme klang fest und hell über das weiße Feld. Darauf hieß er an den Käfig die Adler binden und davor Fleischstücke zu legen. Selbst nahm er zwei Lanzen, deren Länge die Fesseln der Vögel übertraf, und nachdem er auf die Spitzen die blutigen Stücke gesteckt, hob er sie mit beiden Händen in die Höhe; die Adler stürzten ihnen nach, ohne sie zu erreichen, und der Käfig mit dem Könige darin begann, sich bewegend, aufzusteigen vor den Augen des staunenden Volks. Immer kleiner und kleiner wurde der Käfig, sodaß die vorbeifliegenden Schwalben größer als er zu sein schienen, und endlich verschwand er. Alexander flog immer höher und höher, und der Wind pfiff in seinen Locken. Die Erde wurde immer kleiner, bis sie, umgeben vom Bande des Ozeans, der Scheibe eines dunklen Granatapfels auf einer Schüssel reinen Wassers gleich wurde. Tag und Nacht strebte der König in die Höhe, an den Sternen und Planeten vorbei. Die Sterne waren kristallene buntfarbige Gefäße an goldenen Ketten, und jeder Engel entzündete und verlöschte eine Flamme der Nacht. Die Planeten aber waren durchsichtige Räder, die in ihren Spuren von dutzenden von Engeln gewälzt wurden. Stimmen riefen dem Winde entgegen: »Kehre um, kehre um!« Endlich erblickte Alexander aus der Ferne die Sonne. Ein Rad von Hyazinth, dessen Größe dreimal den Umfang der Stadt Babylon übertraf wurde in einer goldenen Spur gewälzt von Engeln mit freudigen Gesichtern und in roten Mänteln. Den Kopf zurückwerfend schrie der König in das flammende Leuchten: »Ich bin Alexander! ich bin Alexander!« und die Adler schrieen vielstimmig mit sieben Paaren offener Schnäbel. Der Schall von tausend Hörnern und tausend Donnern erklang zur Antwort: »Zurück, betörter Sterblicher, ich bin dein Gott!« Ohnmächtig ließ Alexander die Lanzen sinken und die Adler trugen ihn zur Erde nieder, schneller als ein wahnsinniger Komet. Als das Volk, welches auf den König wartete, rief: »Ruhm Alexandern, der die Elemente besiegt!« da antwortete der König nichts und begab sich bleich, die Menge hinter sich, an das Ufer des Meeres.

DIE ERFORSCHUNG DES WASSERS. Dort hieß der König an Taue das gläserne Gefäß binden, und an einen dünnen Strick ein silbernes Glöckchen, und befahl, das ausfindig gemachte Mädchen herbeizuführen. Sie war klein und braun, sah sich erschreckt um und nannte sich Chadschidscha. Ihre Eltern, der Arzt und der Priester beschworen, daß sie Jungfrau. Alexander sagte zu ihr: »Halte dies Tau; solange du keusch bist, wird das Gefäß nicht vertrinken. Wenn ich schelle, ziehet die Stricke aus dem Wasser!« Und in das Ei tretend, begann er in den Strudel niederzusinken. Ein grünliches Halblicht, durch die hellen Scheiben sichtbar, umgab den König. Die Fische schossen wie Pfeile aus der Tiefe Alexander entgegen, und große Ungeheuer krochen langsam über Meerespflanzen von Ort zu Ort; der König sah zu, wie die größeren Fische die kleineren verschlangen, um selbst von den Ungeheuern vernichtet zu werden; wie Trümmer von Schiffen auf den Grund sanken, wo die Ertrunkenen fahl schimmerten, ineinander verschlungen oder Kleinodien fest umfassend, oder mit qualverzerrten Gesichtern. Mit grünen herausgequollenen Augen blickten Kraken durchs Glas auf den König, neugierig nah an das Gefäß heranschwimmend. Plötzlich stieß das Schiff des unterseeischen Schwimmers auf eine Korallengrotte, aus der eine Frau schwamm mit grünen Rohrzöpfen und Schuppengliedern. Ihr Angesicht war schrecklich und furchterregend; sie machte wehrende Gebärden mit den Händen, weit die Lippen öffnend, als ob sie etwas schrie, aber ihr Schreien drang nicht durch das gläserne Gefäß, und als der König sie verließ, und immer mehr in die dunkle Tiefe zu sinken begann, da sah er, wie das Meerweib mit ringenden Händen in der Korallengrotte verschwand. Als Alexander sich niederbeugte, erblickte er ein kleines schwarzes Wassertier, von der Art eines Krebses, das an der glatten Wand festgeklammert, emsig nagte, sodaß das Wasser bereits in dünnem Strahl nach innen strömte. Da ergriff Alexander die dünne Schnur und das Gefäß begann rasch aufzusteigen, mit dem bleichen König, der nicht mehr in die Fernen schaute, welche nun in hellem Grün aufglänzten. Als er ans Ufer gezogen wurde, stand der Mond im Zenit, und schien auf zwei Leichen: Des Mädchens Chadschidscha und eines großen Soldaten. Alexander trat heran und erfuhr, daß, als alle ermüdet vom Wachen eingeschlafen waren, das Mädchen sich dem ersten, der an sie herantrat, hingegeben hatte und das Tau des Königs aus der Hand ließ. Da hatten die, welche dem Könige nahe standen, die Verbrecher erschlagen. »Wieviel Zeit verbrachte ich auf dem Grunde?« — Zwei Stunden, König. — »Nicht zwei Stunden hat die Festigkeit eines einzigen keuschen Mädchens standgehalten?« sagte der König nachdenklich, und begab sich, von der Menge und von Hornklängen begleitet, in die Residenz. »Ruhm sei Alexandern, der die Elemente besiegt!« rief die Menge, die Priester schwenkten qualmende Rauchfässer dem Könige entgegen, der war bleich unter dem Monde im Zenit.