DRITTES KAPITEL

DER TOD ALEXANDERS. Unterdessen kamen im fernen Makedonien Unruhen und Aufstände vor; Antipater, vom Könige an seiner Statt gelassen, unterdrückte die alte Königin Olympias, zur Antwort auf deren mehrfache Klagen Alexander Chares geschickt hatte, den früheren Herrscher zu ersetzen. Da schickte der verletzte Antipater mit seinem Sohne ein Gift, das nur ein Zinngefäß ertragen konnte, aber kein kupfernes, kein tönernes, kein gläsernes, zu dem königlichen Mundschenk Ilos, der schon lange eine heimliche Wut auf Alexander hatte, welcher auf einem Festmahle ihn mit einem Stabe übern Kopf geschlagen hatte. Ihm schlossen sich noch einige mit dem König Unzufriedene an, und die Verwandten der Königin Roxane. Auf diese Weise war zur Zeit der Ankunft des Königs in Babylon die Verschwörung schon bereit, ihn zu verderben. Die Königin empfing freudig den düsteren und schweigsamen König, der sich wieder mit Freunden den Festen ergab, die Regierungsgeschäfte auf eine andere Zeit verschiebend, und dem Lesen des furchtbar drohenden Sternenhimmels. Als einmal Alexander des Mittags ermüdet ruhte, wurde er durch die Meldung geweckt, daß eine sonderbare Frau nach ihm frage. Dem Könige sagte sie, sie habe ein seltsames Kind geboren, dessen obere Hälfte tot, die untere aber mit allen Zeichen des Lebens sei, und eine Wunderstimme habe geheißen, das Kind in den Palast zu bringen. Alexander, von Ahnungen erfüllt blickte mit Entsetzen auf die Kindesleiche mit den sich bewegenden roten Beinchen. Die Weisen erklärten, daß der obere Teil Alexanders Feinde bedeute, der untere aber ihn selbst; jedoch ein Chaldäer rief, die Gewänder zerreißend: »König, König, dein Tod ist nah!« Alexander beschenkte die Frau und hieß die Mißgeburt verbrennen, und er selbst begab sich aufs Fest zu einem gewissen Makedonier, ohne sich von seinem Mundschenk, dem indischen Jüngling Ilos zu trennen. Das Fest war in vollem Gange, als plötzlich der König ausrief, wie von einem Pfeil getroffen: »Die Zeit ist gekommen, Alexander!!« und zog sich bleich, wankend in seinen Palast zurück. Vergeblich suchten die Ärzte das Gift mit Brechmitteln zu entwenden, die Schmerzen des Königs waren so unerträglich, daß er mehr als einmal versuchte, sich in den Euphrat zu stürzen, der vor den Fenstern des hohen Palastes rauschte. Die Makedonier umringten den Palast und drohten die Mauern zu zerstören, und alle Wachen zu töten, wenn ihnen der König nicht gezeigt würde. Und Alexander von der Königin Roxane gestützt, zeigte sich im Fenster; alle riefen: »Ruhm dem König Alexander, er lebe in alle Ewigkeit!« Ein Lächeln glitt über die erstarrten Lippen des Herrschers und er rief mit der alten hellen Stimme: »Lebet ihr in alle Ewigkeit, aber meine Stunde hat geschlagen!« Am folgenden Morgen rief der König Perdikkas, Ptolemaios, Lysimachos zu sich, um ihnen seinen letzten Willen zu geben. Dann ließ er sich hinaustragen zu einem Durchgangsgemach an der Straße und ließ an sich das ganze Heer vorüberziehn, jedem Soldaten Grußworte sagend. Und ergraute Altgediente weinten, als sie den König erblickten, dahingestreckt auf den Kriegsschilden, bleich und freundlich. Die Freunde, ihr Gesicht in Mäntel gehüllt, standen von ferne. Alexander, die Augen gegen die Decke aus Elfenbein hebend, sprach: »Himmel, beinerner Himmel!« und fuhr fort die vorüberziehenden Krieger zu begrüßen. In der Luft hing ein dichter Nebel und auf dem Himmel ging am Tage ein Stern von ungewöhnlicher Größe auf, rasch zum Meere hinziehend, von einem Adler begleitet; und die Idole im Tempel bebten langsam mit Klang. Dann ging der Stern seinen Weg vom Meere zurück und blieb stehen, brennend über dem Gemache des Königs. In diesem Augenblick starb Alexander. Der Leib des Königs wurde nach langem Zwist gen Alexandria in Ägypten geschickt, und dort in ein Heiligtum gesetzt, das ward genannt »Der Leib Alexanders«. Sein Reich verteilte er unter Philon, Seleukos, Antiochos, Ptolemaios. Er starb im dreiunddreißigsten Lebensjahre, zum Aprilvollmonde, nachdem er zwölf Alexandrien gegründet, und hinterließ einen unauslöschlichen Ruhm bei allen Völkern und Zeiten.

Ende.

Die autorisierte Übersetzung dieses ersten in deutscher Sprache erscheinenden Buches des russischen Dichters Michail Kusmin besorgte Ludwig Rubiner, den Druck die Offizin von Dietsch & Brückner in Weimar, die Bindearbeiten die Werkstatt A. Köllner in Leipzig.

Anmerkungen zur Transkription

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