Er streckte plötzlich seine Hand aus und ergriff ihre feinen, zarten Finger. „Blicken Sie nur auf und Sie werden sehen, daß es unmöglich ist, nicht zu glauben ... Schauen Sie in den Himmel, schauen Sie!“

Unwillkürlich hob Marja Nikolajewna den Kopf, und von unten erschienen Lande ihre großen Augen voll tiefer Sehnsucht.

Kein Ende sah man für die Weite des Himmels und keinen Boden gab es für die strahlende Tiefe. Je mehr sie hineinsah, um so ferner und höher, unfaßbar, gingen die Sterne fort und schwanden gegenstandslos in dem unübersehbaren Raum. Es war, als ob das geheimnisvoll-feierliche Schweigen irgend eine unergründliche schwingende Bewegung durch seine ewige Kühle zum Stillstand gebracht und gefesselt hätte. Eine überdenkliche Kraft hob ein gewaltiges, undurchdringlich durchsichtiges Gewölbe über den Weltenraum und erstarrte in ungeheurer Spannung.

„Wie furchtbar ist es da!“ sagte Marja Nikolajewna plötzlich mit bebender Stimme. „Und wenn das einmal zusammenstürzt ... Herrgott, könnte man sich denken, vorstellen, was da sein würde! ...“

Lande lächelte zärtlich und still; leise fuhr er gleichmäßig streichelnd über ihre Hand.

„Nein, es stürzt nicht zusammen!“ sagte er. „Schauen Sie, was für eine erdrückend grenzenlose Größe das ist, und wir sind so klein, so klein; wir können nicht einmal den tollen Wirbel sehen, in dem alles dahinsaust. Vergegenwärtigen Sie das sich nur: wie klein muß doch der Mensch sein! In jedem Augenblick, in jedem millionsten Teil eines Augenblickes trägt ein furchtbarer Rausch das Riesengebäude der Welt in unbegreifliche Fernen; wir aber sehen nur Starrheit ... Welch ein Orkan von überwältigenden Tönen muß das sein; uns gaukelt es feierliche Stille vor! ... Und trotzdem schreiten wir, die so winzig sind, so frei vorwärts, als ob alle diese Riesenmassen uns aus dem Wege gingen! Als ob uns eine Hand leitet, die uns durch jedes Hindernis hindurchführen kann. Das geringste Teilchen der feindlichen Kraft könnte uns hinwegwischen; aber die menschliche Geschichte bewegt und entfaltet sich so frei, als ob sie in allem der Mittelpunkt wäre. Damit etwas so Kleines, Schwaches derart auf seiner Bahn gehen konnte, sicher, daß es zum Ziele vordringen wird, ist es notwendig, daß es zu irgend einem Zweck in der Welt nötig wäre und daß es vom Weltwillen für eine Zeit bewahrt würde, wenn ...“

Lande schwieg eine Weile, sah mit glänzenden Augen nach oben und fuhr fort:

„Scheint es Ihnen nicht so, als ob alles erstarrt wäre und wartete, bis hier, auf der Erde, etwas geschieht, was einmal geschehen muß ... Und wenn das eintrifft, dann wird alles urplötzlich in Bewegung geraten, hier vernichtet, dort geschaffen werden, irgend ein neues Licht aufleuchten, neue Formen, neues Leben emporsteigen.“

„Manchmal ist es so,“ antwortete still Marja Nikolajewna. Ihr war eigentlich bange zumute. Etwas wuchs vor ihr hoch, ungeheuer groß wie aus der Ewigkeit in die Ewigkeit, wie aus einem unendlichen Raum in einen unendlichen Raum hinein. Die Stille der Nacht schwang sich wie eine feierlich dröhnende, dräuende Musik vor ihr.

„Wie wunderbar, wie kompliziert ist das alles!“ sprach Lande mit geheimnisvoller Begeisterung. „Selbst die Ewigkeit und die Unendlichkeit, die nicht klein, nicht groß sind, die keine Zeit besitzen, durch welche ein Augenblick im Leben der Welten mit dem Augenblick im Dasein eines Menschen zu vergleichen wäre ... Soll das die kalte, tote Ordnung einer durch seelenloses physisches Gesetz geschaffenen Maschine sein? Das ist die furchtbare Tragik im Prozeß des Schaffens, der alles umfaßt, der keine Teilungen, gleich für welche Zwecke, duldet. Ein Geist dieses Schaffens, eine Seele der Welt — sie existiert. Es wäre unmöglich, das nicht zu glauben, unmöglich, das nicht zu sehen! ... nicht zu hören, nicht zu empfinden ...“