Mit lautem Hufschlag jagte eine Droschke durch die leeren Straßen nach der Villa, in der Emma wohnte.
Immer noch zitterte in Mishujew die Erregung, die ihn plötzlich gepackt hatte. Das gekaufte Weib war ganz in seinen Händen, und in dem unbewußten Gefühl uneingeschränkter Gewalt tasteten seine Finger instinktiv über den nachgiebigen, weiblichen Körper, der hinter trockenen Falten eines grauen, weißseidengefütterten, breiten Mantels glitt. Sie war noch immer nur oberflächlich bekleidet und bebte vom Kopf bis zu den Füßen, doch anscheinend nicht einmal vor Kälte. Ihre großen Augen blickten beim blassen Dämmerlicht erschrocken und sonderbar aus dem bleichen, geschminkten Gesicht mit der zerstörten Frisur hervor.
Ganz entschieden lag etwas Eigentümliches in ihr: wie manchmal in der Melodie eines eleganten, unverschämten Tanzes beharrlich eine versteckte Note unverständlicher Trauer durchzittert, so blickte hin und wieder aus der halbnackten, bemalten Kokotte eines Café-Chantants schüchtern und trauervoll irgend etwas anderes — ein unglückliches, niedergeschlagenes Weib, hervor. Und wenn sie lachte, trank, tanzte, die Männer auf die zutapsenden Finger klopfte, glitt um ihre geschminkten Mundwinkel und die untermalten Augen ein unfaßbarer Schatten verborgenen Schmerzes. Das gab ihr einen scharfen, beißenden Reiz. Im Restaurant, beim elektrischen Licht, hatte sich dieser eigentümliche, auffallende Gesichtszug unter der schamlosen Maske begehrlicher Verkäuflichkeit verborgen. Jetzt dagegen, wo doch alles zu Ende war und sie nur darauf zu warten hatte, was dieser Mann, von dem sie gekauft worden war, mit ihr anfangen würde, trat er wieder, ohne sich zu verbergen, auf ihre abgeblaßten, müden Mienen und verband sich traurig mit der Dämmerung des blassen einöden Morgens.
Und dieser unterwürfige Ausdruck war es gerade, der Mishujew mit tollem Rausch erfüllte und seinen ganzen, mächtigen Körper mit dem scharfen Zittern unerbittlichen Verlangens durchtränkte. Je demütiger sie seinen Händen nachgab, je müder und trauriger ihre Augen blickten, desto dunkler und schwerer stieg irgendwo aus der dunklen Tiefe seiner Seele der Trieb nach wollüstiger Grausamkeit herauf.
Bei der Villa angelangt, schritten sie durch den Garten, in dem südliche Blumen betäubend dufteten. Mishujew hinter der Kokotte, die ihn wie eine demütige Sklavin zu sich ins Haus führte.
In ihm schienen zwei Wesen zu leben: das eine entsetzte sich davor, was sich seiner bemächtigt hatte; das andere wurde unter dem Bewußtsein der vollen Gewalt trunken und wollte nicht mehr sehen, was das erste ganz klar verstand. Und je höher in ihm der Widerwillen gegen sich und das Mitleid mit diesem müden Weib, das offensichtlich litt und sein Leiden zu verbergen suchte, aufstieg, desto unaufhaltsamer wurde sein Verlangen nach schmutzigster, brutalster Wollust. Er hatte das Gefühl, als wäre er völlig in der Gewalt eines uralten Tieres, das plötzlich in ihm erwacht war, obgleich er es längst getötet glaubte, und das ihn jetzt in seinen Abgrund schleppte; er sah sich klar niederstürzen, ihm graute davor und dennoch glitt er immer tiefer und tiefer hinab.
„Wohnst ... du allein?“ fragte er abgerissen. Er zitterte und fühlte, wie seine Füße in der Qual der Erwartung schwächer und schwächer wurden. Und plötzlich sah er, wie sein ganzes Empfinden abriß und irgendwo hinuntersauste. Ein widersinniger Gedanke blitzte durch das glühende Gehirn, ein rotes Feuer leuchtete vor seinen Augen auf und etwas Blindes, Ungeheures nahm ihn ganz in Besitz.
Mit einer letzten Willensanstrengung rief er sich zu:
— — Was ist das? Wahnsinn! Eine Lumperei! ... Doch diese Aufwallung glitt gleich wieder ohnmächtig ab und in dumpfer Ergebenheit sagte etwas im Innern seiner Seele: „Mag sein! warum denn nicht, wenn ich es kann und will? Ja, eine Bestie, ein Despot ... meinetwegen! ... Sehr gut!“
Und in seiner Stimme klang es fast wie wilde Schadenfreude, wie wenn er sich an einem rächte, der schöner und reiner war als er und den er jetzt vollständig von sich stieß, als er plötzlich Emma befahl, stehen zu bleiben.