Und doch konnte sie sich nicht erklären, wie es geschehen war, daß sie sich bis zum Verlust ihrer Scham und jener Liebe, die ihr Leben auszufüllen schien, vergessen konnte.

In körperlicher Zerbrochenheit kroch Karssawina unter der Decke hervor, und fing an, sich mit lautlosen Bewegungen anzukleiden. Sie fühlte, wie bei jeder Bewegung Dubowas ihr ganzer Körper von eisiger Kühle durchströmt wurde.

Dann setzte sie sich ans Fenster und starrte mit gespannten, unbeweglichen Augen in den Garten, wo die vom Morgen durchnäßten Bäume hellgrün und gelb aufleuchteten.

Ihre Gedanken zogen an ihr vorüber, wie schwarzer Rauch, den der Wind hin- und hertreibt. Wenn jemand ihre Seele hätte entfalten und wie ein Buch durchblättern können, er wäre von Entsetzen gepackt worden.

Auf dem Hintergrunde ihres ungewöhnlich kräftigen und frischen Lebens, in dem jeder Tag, jede Bewegung und jede Empfindung, von sonnendurchleuchtetem Blut getränkt war, ballten sich furchtbare Bilder ineinander.

Schwarz und bewegungslos trat der Gedanke an Selbstmord in ihr Bewußtsein ein, leidenschaftliche Trauer über den Verlust der reinen hellen Liebe zu Jurii preßte ihr Herz zusammen; alles aber wurde durch eine trübe Welle der Furcht vor der Menge von bekannten und fremden Gesichtern, die sich vor ihr drängten, überschwemmt.

Bald kam ihr der Gedanke, zu Jurii hinzustürzen, sich vor ihm auf den Boden zu werfen, ihm in einem Augenblick ihr ganzes Leben hinzugeben und dann für immer irgendwohin zu verschwinden. Dann wieder überfiel sie bei dem Gedanken, mit Jurii zusammenzukommen, jagende Angst, und sie wünschte gleich zu sterben, im Augenblick, ohne die Stelle verlassen zu müssen, einfach, indem sie zu leben aufhörte. Dann wieder schien ihr plötzlich, daß es vielleicht noch möglich wäre, alles gut zu machen. Die Nacht von gestern konnte in der Wirklichkeit garnicht existiert haben, — — — sie wollte es nicht glauben. Doch wie ein wilder Schrei blitzte durch ihre Seele die Erinnerung an ihre Nacktheit, an die Schwere des männlichen Körpers, an das momentane, brennende Sichvergessen und durch die unwiderrufliche Macht des Vergangenen ratlos betäubt, lag sie ohne Regung und ohne Gedanken mit der Brust auf dem Fensterbrett.

Inzwischen erwachte Dubowa. Sie bemerkte sofort die hastigen Bewegungen und die erregten Mienen der Freundin.

„Ah, du bist schon auf? ... Das ist man ja von dir garnicht gewöhnt.“

Als Karssawina am frühen Morgen zurückgekehrt war, hatte sie Dubowa nur halb im Schlaf gefragt: „Wie siehst du denn zerzaust aus?“ sie war aber sofort wieder eingeschlafen. Jetzt jedoch fühlte sie, daß etwas geschehen war, und im Hemd, barfuß, ging sie auf die Freundin zu: