„Ich weiß.“ Sie hatte das Gefühl, als wäre sie gezwungen, ihn so und nicht anders anzulächeln. Um es zu vermeiden, lehnte sie sich noch weiter aus dem Fenster. Dabei glitten das Hemd und Tuch herunter, und der obere Teil ihrer weißen und unfaßbar zarten Brust, unter den Strahlen des Mondes noch zarter und weißer, wurde sichtbar.
„Die Menschen errichten stets eine chinesische Mauer zwischen sich und dem Glück.“ Ssanins unnatürlich leise Stimme schluchzte fast vor Erregung und Lyda erstarrte noch mehr unter ihren Lauten.
„Wieso?“ fragte sie tonlos, ohne die Augen von dem dunklen Garten abzuwenden, in der Furcht, seinem Blick zu begegnen.
Sie fühlte mit Sicherheit, daß in dem Augenblick, wo sie ihn ansehe, etwas Furchtbares geschehen würde, etwas, dessen Möglichkeit sie nicht einmal in Gedanken fassen konnte.
Und zur selben Zeit wußte sie schon, daß alles so kommen mußte. Sie ängstigte sich, sie hatte eine widerwärtige Empfindung und doch war es ihr gleichzeitig interessant. Ihr Kopf glühte und sie sah nichts mehr vor sich. Mit Abscheu und Verlangen spürte sie auf der Wange das heiße Atmen ihres Bruders, das ihr Haar an der Schläfe bewegte und in ihr das Gefühl erweckte, als ob unter dem Tuche Ameisen ihren nackten Körper herunterliefen.
„Ganz einfach!“ erwiderte Ssanin, doch seine Stimme riß mit einem Male ab.
Lyda fuhr es wie ein Blitz durch den ganzen Körper; sie richtete sich auf und ohne zu wissen, was sie tat, neigte sie sich zum Tisch hinüber und löschte die Lampe aus.
„Zeit schlafen zu gehen,“ sie zog das Fenster zu.
Als die Lampe erloschen war, wurde es draußen nur heller, die Gestalt Ssanins und sein Gesicht traten unter dem Licht des Mondes noch stärker hervor. Er stand im hohen, taubedeckten Gras und lachte.
Lyda ging vom Fenster zurück und ließ sich fast ohne Bewußtsein auf das Bett nieder. Alles schwankte und klopfte in ihr und ihre Gedanken verwirrten sich. Sie hörte die Schritte des Bruders, der mit seinen Füßen das Gras beiseite schob, und sie suchte mit ihrer Hand das Schlagen ihres Herzens zu unterdrücken.