Jurii griff zum Messer und begann mit einer Gehässigkeit, die ihn selbst empörte, sein „Leben“ abzuschaben. Gleichzeitig aber ärgerte es ihn, daß dieses Bild, an welchem er mit solcher Begeisterung gemalt hatte, jetzt nur mit Mühe von der Leinwand verschwinden wollte.
Die Farben lösten sich nur wie unwillig, das Messer schmierte, sprang ab und machte jedesmal zu Juriis größter Wut einige Risse in den Grund. Dann stellte es sich heraus, daß die neuen Kohlenstriche nicht auf der öligen Unterlage sitzen wollten, und dies verursachte ihm wiederum geradezu körperliche Schmerzen.
Er griff zum Pinsel und begann sofort Braun aufzusetzen, verlor aber gleich wieder alle Energie und malte langsam, nachlässig, unter schwerem und trübem Nachsinnen weiter.
Das Bild, das er jetzt im Kopfe hatte, verlor nicht, sondern gewann geradezu durch die Oberflächlichkeit der Pinselführung und den matten, schleppenden Ton der Farben. Dazu war die ursprüngliche Idee des Todes wie von selbst geschwunden, das Motiv wurde unter Juriis Pinsel zu einer Darstellung des Greisentums. Er malte es in der Gestalt einer abgerackerten, knochigen, alten Frau, die auf einem ausgetretenen Wege, einen Sarg auf dem Rücken, in grauer, trauriger Dämmerung dahinschleicht.
Man rief Jurii zum Mittagessen, aber er ließ sich nicht aufhalten, sondern malte ununterbrochen weiter. Später kam auch Nowikow und begann ein Gespräch mit ihm, doch er hörte ebensowenig hin, blieb stetig bei seiner Arbeit und gab ihm keine Antwort.
Nowikow ließ sich aufseufzend auf dem Divan nieder; er war es ganz zufrieden, schweigen und denken zu können. Zu Jurii war er nur gekommen, weil er es nicht ertragen konnte, allein zu Hause zu sein.
Die Ablehnung Lydas quälte ihn sehr; aber er war sich selbst nicht klar, ob er sich ihrer mehr schämte oder an ihr seelisch verkümmerte. Die Klatschereien über Lyda und Sarudin waren ihm noch nicht zu Ohren gekommen, trotzdem sie schon überall in der Stadt aufstiegen. Daher war er auf niemanden eifersüchtig, sondern litt nur unter der Zerstörung seines Traumes, der ihm eine Zeitlang nahe und glänzend erschienen war, so daß er sich bereits voll seinem Glück hingegeben hatte.
Obgleich er, während er auf Juriis Bild starrte, darüber nachsann, wie jetzt auch sein Leben verderben und alt werden mußte, kam ihm nicht einen Augenblick lang der Gedanke, daß er sterben könne. Er begriff nur, daß es nunmehr, seitdem er sein persönliches Leben aufgegeben hatte, seine Pflicht sei, für andere Menschen zu leben. So war ihm bereits unklar der Gedanke aufgetaucht, hier alles stehen und liegen zu lassen und nach Petersburg zu fahren, wo er wieder die Beziehungen zur Partei anknüpfen konnte. Von dort bis zum Tode war es nicht weit.
Schon das Bewußtsein, daß ihm diese Idee, die ihm erhaben und schön dünkte, ganz allein gehöre, gab ihm Trost. Sein eigenes Bild umrahmte sich vor seinen Augen mit einer lichten, schwermütigen Glorie, und durch den unwillkürlichen leisen Vorwurf gegen Lyda, der sich darin zeigte, wurde er so tief gerührt, daß ihn fast ein trockenes Weinen ergriff.
Allmählich wurde ihm das Nachdenken langweilig. Jurii malte ununterbrochen fort und schenkte ihm keine Aufmerksamkeit. Nowikow erhob sich mit seiner angeborenen Bequemlichkeit und trat auf ihn zu.