Die ferneren Strophen des langen Sing-Reigenspiels überhörte Grege, nur der feurige Klang und der stürmische Rhythmus nahmen seine Aufmerksamkeit gefangen, wie das herrliche Schauspiel der kunstvollen, aber wie selbstverständliche Natur wirkenden Verschlingungen und Figuren sein Auge entzückte.

Am Schlusse dröhnte es förmlich wie Wetterbrausen mit elektrischen Schlägen:

Nordika, heiliges Vaterland!

Denn auch die nicht mittanzende Hälfte fiel jetzt aus voller Kehle in den Gesang mit ein — aber Maikkas Stimme glaubte Grege wie Trompeten-Ton über dem harmonischen Gewoge schweben zu hören.

Das war ihm ein unerhörter Ohrenschmaus. Und das berauschend aufsteigende, machtvoll ausklingende

Heil, Vaterland! Heil, Vaterland!

ging ihm durch Mark und Bein. Thränen traten ihm in die Augen. Von dieser alles bezwingenden Gewalt des Gesanges und der Vaterlandsliebe hatte er seither keine Ahnung gehabt.

In Teuta kannte man das Gefühl der Vaterlandsliebe überhaupt nicht. Dort galt nur der Begriff vom „Staat“ und „Reich“ als eines künstlich aufgebauten Gesellschafts-Körpers, an dem nur der Verstand, aber niemals das Gefühl betheiligt war, auch gab es dort keinen natürlich quellenden Enthusiasmus für irgend etwas, sondern nur eine eingelernte Ruhmredigkeit, die sich in erhitzten Phrasen ergoß, ohne echtes Feuer, ohne natürliche Wärme. Und wo fiele es den Teutaleuten, Jünglingen und Jungfrauen, Männern und Frauen, jemals ein, ein Lied anzustimmen, einen gemeinschaftlichen Gesang steigen zu lassen, die Seele losbrechen zu lassen in einer Fluth von Tönen und wuchtigen Harmonien? Wenn sie singen jemals gelernt hatten, heute hatten sie’s sicher verlernt, seit Menschengedenken hat man im Teutareich keinen Volksgesang gehört. Warum fehlt das dort? Weil die Seele fehlt. Weil Alles in seelenlose Mechanik umgewandelt ist. Drum kennt man auch nur mechanisches Musikmachen, ohne Sinn und Gefühl, wie man nur verstandesmäßige Staatsbegriffe kennt, ohne Vaterlands-Empfindung.

Und Grege liefen die Thränen über die Wangen, er stand betäubt, selig erschüttert und todtbetrübt zugleich.

— Nun? fragte Maikka, mit glänzenden Augen und hochklopfender Brust auf ihn zutretend. — Was sagt Teuta dazu?