Sie schleppte eine mächtige Kupferstichmappe herbei.
Grege nahm ein altes, vergilbtes Blatt heraus, besah es nachdenklich.
Ein nacktes Weib, knieend, die Hände vor das Gesicht geschlagen, vor sich das weite, stille Meer. Heißes Sonnenlicht. Ein starres Schweigen im Himmel und auf Erden. Ein erschütterndes Alleinsein des Endlichen mit dem Unendlichen. Ein verzweifeltes Fragespiel. Als Schlußruf: Was gehen wir uns an, was haben wir miteinander zu schaffen? Nein, Grege wollte jetzt nicht an Jala denken. Jetzt nicht. Er ertrüge es nicht.
— Viel zu ernst, klagte er und reichte das Blatt Maikka, die ihm über die Schulter sah.
— Barbar! Ein Max Klinger aus dem neunzehnten Jahrhundert. Seine wohlgezählten elf Jahrhunderte
alt und so frisch und schön in seiner Empfindung, wie der junge Tag. Ein Blatt, so werthvoll wie ein Märchenschatz Indiens: „An die Schönheit“. Und Dir viel zu ernst? Gut, ich weiß Dir Passenderes.
Wieder eilte sie an den Schrank, der ihre bibliographischen Raritäten und Kostbarkeiten enthielt.
Diesmal brachte sie einen mäßig starken Band, in Leder gebunden, arg von der Zeit mitgenommen, und schlug ihn mit feierlicher Miene wie ein Buch voll schauerlich geheimnißvoller Beschwörungen vor Grege auf.
— Kniee nieder, Barbar aus Teuta, und falte die Hände wie die alten Gläubigen zum Gebet!
Es war der letzte Band der „Fliegenden Blätter“ aus dem Jahre 2001, Jubiläumsausgabe, das Einzige, was von deutschen Zeitschriften für die Nachwelt übrig geblieben.