Auch heute alle Dörfer verödet — ein böses Zeichen! Quawa hat die Leute gegen uns aufgewiegelt. Zwar wohnen hier noch keine Wahehe, aber er hat in den Dörfern hier überall von seinen Wahehe einige sozusagen als „Stationschefs“ verteilt, die die Einwohner beherrschen. Um es jedoch nicht ganz mit uns zu verderben, haben diese vor ihrer Flucht das Gras niedergetreten und Bäume gefällt, uns also den Weg möglichst gangbar gemacht, und in den Dörfern, in denen wir unser Lager aufschlagen, erscheinen auch die Jumben. Sie dienen also zwei Herren. Daß die Leute bei unserem Nahen weglaufen, hat wohl auch seinen Grund in den schlimmen Erfahrungen, die sie früher stets mit den Handelskarawanen machen mußten; ihre Hütten wurden einfach als Quartiere benutzt, ohne daß sie dafür eine Entschädigung erhielten. Tom hat nun angeordnet, daß die Karawanen für jede Hütte, die sie benutzen und vor dem Abmarsche wieder reinigen, 5 Pesa zu bezahlen haben, überlassen sie die Reinigung dem Besitzer, so sind dafür weitere 5 Pesa zu entrichten. Die Hütten sind hier fast alle rechteckig und ganz aus Gras hergestellt, dabei aber ziemlich wetterfest. Der hiesige Jumbe hat sogar eine Veranda an seiner Wohnung; zwar keine Fenster, dafür aber zwei, allerdings sehr kleine Türen, so daß man sich tief bücken muß, um einzutreten.
Heute sah ich die erste Wildgrube, direkt am Wege, so daß ich sehr um unsere Schafe bangte. An einen steilen Hügel am Wege knüpft sich ein Negermärchen, das erste, von dem ich hörte: Hoch oben auf dem Gipfel weidete, so berichtet die Sage, eine Herde von schneeweißen Ziegen und im Innern des Berges sehe man ein großes Haus von Steinquadern, in welchem der Teufel wohne. Den Zusammenhang zwischen dem Schloßherrn und der Ziegenherde konnte ich leider nicht feststellen.
5. Juli 1896.
Meine Begeisterung für Wasserfälle steht nicht mehr auf ihrer früheren Höhe. Heute mit 4½stündigem Marsche sechzehn Flüsse passiert, die meistens von Wasserfällen kamen; meine Freude beim Anblick eines solchen ist also bereits sehr herabgestimmt. Heute die ersten Farnkräuter gesehen! — Es regnet unaufhörlich, Tag und Nacht, der Marsch deshalb ganz abscheulich. In der Nacht plötzlich großer Lärm: Schnapsel rast wie toll im Lokale herum, und draußen werden die Schweine und Puten mobil. Ursache: allgemeiner Überfall durch Ameisen, denen wir mit Insektenpulver und Asche energisch zu Leibe gingen. Die Puten pickten sich die Störenfriede gegenseitig ab. Gestern trafen wir die Karawane, die unser Haus trug, 350 Mann, die zur Küste zurückkehrten; wir benutzten sie gleich, das Gras auf dem Lagerplatze niederzutreten.
Am Kitalabach, 6. Juli 1896.
Bei strömendem Regen wieder ein ganz schauderhafter Weg. Es ist uns zwar nichts Neues, daß die Leute ½ Stunde lang bis über die Knie, oft bis zu den Hüften im Wasser waten, aber sie konnten sich sonst doch in der Sonne bald trocknen. Daran ist jetzt natürlich nicht zu denken; dazu ist es empfindlich kühl; im Zelt hatten wir um Mittag nur 14°. Auch sind wir nunmehr alle ziemlich abgespannt. Mein Mann hat arges Fieber, macht aber trotzdem die Wegeaufnahmen. Die Marschordnung war, um Tom Gelegenheit zu besserem Überblick zu geben, seit einiger Zeit geändert, wir marschieren nicht mehr an der Spitze, sondern halten die Mitte, so daß Tom die Biegungen des Weges besser sieht. Stößt die Spitze auf ein Hindernis, so wird dieses uns durch Winken angezeigt, dann heißt es „Kolonne halt“, bis der Weg frei. Für mich bedeuten diese Halts stets eine gewisse Spannung, denn je nach der Natur dieses Hindernisses richtet sich die Art meiner Weiterbeförderung: Postpaket, Seiltanzen oder Kunstreiten. Zu letzterem eigne ich mich erfahrungsgemäß am wenigsten, das kommt mir täglich zum Bewußtsein, wenn ich, Schnapsel auf dem Schoße haltend und die Füße möglichst zwischen die Langohren meines Esels gelegt, mich krampfhaft am Sattel festklammere, während der Weg mit Gleiten und Stolpern über Wurzeln, Steine, durch Sumpflöcher, Wasserpfützen und Flußläufe geht.
Am 7. Juli 1896.
Heute schlugen wir das Lager am Fuße des Mbongo auf — gegenüber dem Endziel unseres Zuges: Perondo, unserer Station, die wir morgen erreichen werden! Angesichts dieses Zieles tauchen eine Menge wichtiger Fragen auf, die es zweifelhaft machen, ob die Station auch wirklich hier errichtet werden kann. Wird Quawa Krieg anfangen? So friedlich, wie man ihn an der Küste glaubt, ist er nicht, je näher wir seinem Gebiete kamen, je mehr hatten wir Ursache, uns vom Gegenteile zu überzeugen.