Lager am Ombascha-Posten, 19. September 1896.
Welche Glücksbotschaft gestern! Um vier Uhr kam ein Brief von Tom: sobald unser Gepäck „tajari“ (fertig gepackt zum Mitnehmen), soll ich zu ihm kommen! Er hatte für das Verpacken zwei Tage gerechnet — natürlich war ich schon am anderen Morgen „tajari“ und rückte mit meinem Begleiter, dem Oberlazarettgehilfen, ab. Ein tüchtiger Gebirgsmarsch. Sehr müde!
Lager am Kihansifluß, 20. September 1896.
Ich darf wenigstens sagen, daß ich Afrika kennen lerne; freilich ist dieser praktische Geographieunterricht recht anstrengend, dafür aber nur interessanter. In der Schweiz habe ich nicht solche Kletterpartien gemacht wie hier; selbst nicht am Julier, wo ich mir Edelweiß geholt habe von Stellen, die für Damen als unerreichbar galten. Gestern waren acht Berge zu nehmen, 600 bis 800 Meter hoch, so steil und unwegsam, daß ich mich oft hinaufziehen lassen mußte, wenn ich die für mich eingehauenen Stufen in den Felsblöcken selbst auf „allen Vieren“ nicht mehr schaffen konnte. Aber jeder bestiegene Berg war ja ein Hindernis weniger auf dem Wege zum Ziel! Da vergaß ich gern 33° Reaumur! Die Aussicht war großartig, aber die Müdigkeit ließ mich doch nicht zum Genuß kommen.
Magdalenenhöhe, 21. September 1896.
Morgen oder übermorgen sehe ich meinen Mann wieder! Was waren das für schreckliche Wochen! Wie zitterte ich um des Geliebten Leben, wie oft kamen Nachrichten, die mir das Blut in den Adern gerinnen ließen! Wußte ich doch Tom mit seinen 230 Mann und den 8 Deutschen — von denen drei eben erst das perniziöse Fieber überstanden hatten — einem an Zahl weit überlegenen blutdürstigen Feinde gegenüber. Anfangs erhielt ich alle paar Tage Nachricht — dann blieb vierzehn Tage lang jede Botschaft aus! Doch nun ist ja diese schreckliche Zeit der qualvollen Ungewißheit vorüber, ich ziehe ihm entgegen, soll ihn nun bald gesund und fröhlich wiedersehen! Die größte Gefahr ist abgewendet, wenn auch noch viel, sehr viel zu tun übrig bleibt: nämlich Quawas habhaft zu werden. Dazu müssen aber erst Hilfstruppen abgewartet werden, Toms kleine Schar ist in diesem ungeheuren Gebiete dieser Aufgabe natürlich nicht gewachsen. Für mich zum Glück: bis zum Eintreffen der Verstärkungen darf ich bei meinem Manne bleiben! Als Tom das Lager Quawas nahm, ist dieser entkommen, so konnte dem ganzen Feldzuge leider nicht mit einem Schlage ein Ende gemacht werden. Das Gefecht war infolge von Quawas Flucht ziemlich kurz, Tom hatte keine Verluste, auf der feindlichen Seite aber Tote, Verwundete und Gefangene. Es wurden an 1000 Stück Großvieh und 1100 Kleinvieh erbeutet — an Fleischmangel wird die Station also nicht mehr zu leiden haben.
Eine Episode aus diesen sechs Wochen Einsamkeit muß ich doch noch nachtragen. Eines Abends saß ich mit dem Zahlmeister Winkler und dem Lazarettgehilfen Prinage beim Skat, als plötzlich einige Griechen und Araber auf unserer Veranda mit der Schreckensnachricht angestürzt kamen: „Die Wahehe sind da! Sie wollen die Boma stürmen!“ Da hieß es „Kaltes Blut“ — nicht den Kopf verlieren; es war das erstemal, daß ich mich in solcher Lage nur auf mich selbst angewiesen fand. Während Winkler und Prinage Patronen an die sofort alarmierten Soldaten ausgaben, die Boys und Träger mit Vorderladern bewaffneten und jedem seinen Posten anwiesen, ließ ich Wasser herbeiholen, brachte die Reittiere in der Boma unter, sammelte die mit Speeren bewaffneten Männer aus dem Dorfe, brachte sämtliche Windlichter und Laternen zusammen und suchte möglichst Ordnung in das schwarze Menschengewühl zu bringen, denn Weiber und Kinder bildeten ein kaum entwirrbares Knäuel. Dann steckte ich Revolver und Patronen zu mir, legte mein Bestes an Schmuck obenauf im Koffer, um im Falle eiliger Flucht alles zur Hand zu haben, dann machten wir einen Rundgang, um uns von der richtigen Ausführung aller unserer Anordnungen zu überzeugen. Die ganze Alarmierung war in fliegendster Eile vor sich gegangen; nach kaum einer halben Stunde spielten wir auf unserer Veranda weiter. Wir blieben die ganze Nacht auf, — ich hatte die Weiber und Kinder inzwischen auch untergebracht — und vertrieben uns die Zeit mit Kaffeetrinken und Postenrevidieren. Der Höllenlärm unserer aufgeregten Nachtgäste ebbte nach und nach ab, und der prachtvolle Sonnenaufgang fand uns in verhältnismäßiger Ruhe. Die Wahehe waren nicht gekommen, unsere Vorbereitungen für einen möglichst warmen Empfang also vergeblich gewesen. Die Weiber trauten aber dem Landfrieden doch noch nicht: tagelang hielten sie sich in Zelten dicht an der Boma auf, aus Furcht vor den Wahehes.
Die Aufregung jener Nacht hatte wohltuende Wirkung: sie riß mich gewaltsam aus aller kopfhängerischen Angstmeierei, die doch zu nichts nützen konnte, und führte mir mit der wünschenswertesten Deutlichkeit vor Augen, daß ich hier, besonders wenn Tom nicht auf der Station anwesend, wirklich nicht „zum Staat“ da bin. An Beschäftigung habe ich mir in der Zeit alles nur Denkbare hervorgesucht. Meinen Pflegekindern habe ich Kleidchen gemacht, Wäsche geflickt u. a. m. Viel Arbeit verursachte die Herstellung eines Kopfkissens für Tom. Alles, was von Vieh etwas längere Haare hatte, wurde geschoren, aber der Ertrag war nicht groß, denn Ziegen und Schafe haben hier meist ein glattes Fell, Schafwolle kennt man nicht; da ich zu dieser Arbeit die Papierschere benutzen mußte, hatte ich bald Blasen an den Fingern. In diese sechs Wochen fiel auch mein erster Geburtstag als junge Frau! Die Feier hatte ich mir auch anders vorgestellt. Tom hatte für reichen Blumenschmuck meiner Hütte gesorgt, von ihm selbst kam ein herzliches Schreiben — aber doch eben nur ein Schreiben! Als Gratulanten erschienen der Zahlmeister und der Lazarettgehilfe; aus der alten Heimat kein Gruß, kein Glückwunsch. Die Soldaten gaben, wie an hohen Festtagen, mir zu Ehren drei Salven, dann spendierte ich ihnen Geld und den Boys eine Ziege.
Als wir von Perondo abzogen, kam das ganze Dorf, um mir eine gute „Safari“ zu wünschen, mindestens an 300 Weiber begleiteten mich ein Stück Wegs, und als sie schließlich Spalier bildeten, drängten sie sich alle an mich heran, um mir noch einmal „Kwaheri“ zu sagen. Diese Anhänglichkeit, über die ich mich wirklich freute, verdanke ich wohl meiner Gewohnheit, im Dorfe öfter selbst Einkäufe zu machen und die Kinder mit Erdnüssen und dergleichen zu beschenken.