Während Tom seine Berichte schreibt, erhebt sich draußen ein Heidenlärm: die für die Expedition aufgebotenen Wahehe rücken an. Vergessen sind Krankheit und Osterheimweh — ich gehe mit Tom hinaus, um das buntbewegte Bild dieses für uns so äußerst wichtigen Zuzuges anzusehen. Die Jumben traten ein jeder mit seinem Trupp zusammen, die Leute wurden aufgerufen, und jeder Gezählte kauerte in Reih und Glied mit seinen Kameraden, ein komisches Bild eines großen Appells. Die Zählung ergab 500 Wahehekrieger — ein großer Erfolg von Toms Politik, denn beim ersten Aufrufe hatten sich nur 200 gestellt. Der Weg zum Herzen dieses streitbaren Volkes heißt Krieg. Wer sie für sich gewinnen will, muß ihnen Gelegenheit geben zu Kämpfen und Raubzügen; ihren wilden Drang nach kriegerischer Betätigung auf die richtigen, unseren Zwecken günstigen Ziele abzulenken, war Toms hauptsächlichstes Bestreben, dazu kommt noch ein anderes bedeutsames Moment, welches uns die ansehnliche Schar dieser tüchtigen, im Kampfe erprobten Wahehekrieger noch wertvoller macht: in unserem Vernichtungskampf gegen Quawa bedeutet jeder einzelne Mann, der sich Toms Expedition anschließt, einen dauernden Verlust für unseren Feind, denn wer von seinen Leuten einmal auf unserer Seite gekämpft hat, dem ist qualvoller Tod sicher, sobald er in Quawas Gewalt kommt. Es war doch anfangs etwas beängstigend für uns, mitten unter diesen 500 wilden Kerlen sich zu bewegen, von denen jeder noch vor kurzem unsere Ermordung sich als besonderes Verdienst angerechnet hätte. Tom hatte auch alle Vorsichtsmaßregeln getroffen, um etwaiger Überlistung gewachsen zu sein, das Maxim stand schußbereit, und die Wachen waren verstärkt. Unsere Befürchtung war jedoch grundlos, die Wahehe kamen in der Tat mit der ehrlichen Absicht, unter Tom zu kämpfen. Auf Toms Frage, warum so viele von ihnen ohne Schilde wären, erklärten sie, die Schilde hätten sie zerbrochen, denn Tom habe bekannt gemacht, daß er jeden als Feind erkläre, der mit Speer und Schild gesehen werde. Von Farhenga hätte ich gern einen schönen Speer gekauft, aber der geforderte Preis von 15 Rupien war mir doch zu unverschämt, 8 Rupien hätte ich ihm dafür gegeben.

Feldwebel Langenkemper traf hier ein, er hat krankheitshalber um Ablösung gebeten. Wir ritten den nächsten Tag nach, da Meldung von Leutnant Braun gekommen war.

Auch Merere ist wegen Krankheit schon lange zurück, er beehrt uns alle Minuten mit seinem Besuche, und der arme Tom muß ihm Tag für Tag dasselbe sagen; er tut das mit einer unbegreiflichen Geduld und Freundlichkeit; mir wäre schon längst die Geduld gerissen. Solch’ Schauri mit unserm langweiligen Gastfreund und Bundesbruder hat aber auch seine angenehmen Seiten. Hinter einer Tembe, 20 Schritt von uns, eine Viehherde, auf der anderen Seite eine Eselherde, aus allen Türen neugierige schwarze Gesichter hervorlugend; zu dem Schauri muß sich nämlich alles respektvoll entfernen. Merere hockt auf einem Fell, Tom und ich ihm zur Seite auf etwa sechs Zoll hohen Negerstühlchen, Merere furchtbar geheimnisvoll, als ging’s um ein Königreich; für ihn freilich war die Sache wichtig genug. Hoffte er doch, nach dieser Expedition auch in Iringa, also für ganz Uhehe, als Sultan eingesetzt zu werden. In Wirklichkeit saß sich’s bei dieser Haupt- und Staatsaktion gar nicht übel; abgesehen von der spaßigen Seite, bot das Ganze ein eigenartig schönes Bild. Vor uns der waldige Bergabhang, über den Bäumen die aufragenden Gipfel der Berge, zuerst in rotgoldener Sonnenglut, dann sich dunkler färbend, bis die untergehende Sonne zuletzt alles mit flammender Abendröte übergoß.

Fünftes Kapitel.
Expeditionen gegen Quawa. Gouverneur Oberst Liebert.

21. April 1897.

Heute mittag ging Tom fort, ich konnte ihn nicht einmal begleiten, da ich fest liege. Für Tom auch schrecklich, mich hier so allein zurückzulassen. Da heißt’s eben: Kopf hoch! — Vorher noch großes Schauri mit Merere und Winkler. Merere will durchaus zu dem Grabe seines Vaters, um dort zu beten und Dawa zu machen. Er glaubt nämlich, sein Vater habe ihm die Krankheit zur Strafe geschickt, weil er so lange nicht am Grabe gebetet habe. Winkler soll ihn begleiten. Ein Sultan wird nach seinem Tode von seiner Familie als Gott verehrt; also der richtige ausgesprochene Ahnenkultus wie bei den Chinesen. Sein Grab wird mit besonderer Sorgfalt gepflegt. So sind z. B. auf dem des alten Quawa prachtvolle Elfenbeinzähne aufgestellt. Auch die erste Frau des Sultans wird in gleicher Weise geehrt. An den Gräbern beten dann der Sohn und die richtigen Brüder, also Söhne desselben Vaters und derselben Mutter. Die Halbbrüder und Großen des Landes dürfen bei dieser Feier zugegen sein. Ein Sultan geht nie ohne sein Gefolge zu dieser Andacht, an der nur die Söhne teilnehmen. Die Töchter, wie überhaupt alle Frauen, sind ausgeschlossen. Die andern Frauen des Sultans werden im Pori, also im Urwaldgebüsch, nur ganz oberflächlich verscharrt und zum Schutz gegen wilde Tiere mit Baumstämmen bedeckt. Dasselbe geschieht mit den Leichen der Halbbrüder; deren Weiber werden überhaupt nicht begraben, sondern in der Wildnis auf einem Stapel zusammengeschichteter Baumstämme ausgesetzt; ebenso die Großen des Landes nach einer sehr einfachen Rangabstufung: je kleiner der Mann, desto niedriger der Stapel. Die Sklavenleichen wirft man einfach ins Pori. Eine große Menge Leute geht mit, die Weiber weinen und machen großes Geschrei, ebenso weinen die Männer und die Verwandten. Haben sie die Leiche weggeworfen, dann baden die Verwandten und nächsten Freunde im nächsten Fluß. Im Trauerhause kommen dann die weiblichen Verwandten und Freundinnen zusammen, unter Fasten weinen, schreien sie drei bis vier Tage lang, die Mutter fünf Tage. Das Gesicht zur Wand gekehrt und in die Hände gestützt, kauern sie die ganze Trauerzeit über.