Sei’s! diesen Mantel werf’ ich drüber hin!
Du warst ein Dichter! — Kennt ihr auch den Sinn
Des Wortes, ihr, die kalt ihr richtet?
Dies Haus bewohnten Don Juan und Faust;
Der Geist, der unter dieser Stirn gehaust,
Zerbrach die Form — laßt ihn! Er hat gedichtet!
Der Dichtung Flamm’ ist allezeit ein Fluch!
Wer, als ein Leuchter, durch die Welt sie trug,
Wohl läßt sie hehr den durch die Zeiten brennen;
Die Tausende, die unterm Leinen hier
In Waffen ruhn — was sind sie neben dir?
Wird ihrer einen, so wie dich, man nennen?
Doch sie verzehrt; — ich sprech’ es aus mit Grau’n!
Ich habe dich gekannt als Jüngling; braun
Und kräftig gingst dem Knaben du vorüber.
Nach Jahren drauf erschaut’ ich dich als Mann;
Da warst du bleich, die hohe Stirne sann,
Und deine Schläfe pochten wie im Fieber.
Und Male brennt sie; — durch die Mitwelt geht
Einsam mit flammender Stirne der Poet;
Das Mal der Dichtung ist ein Kainsstempel!
Es flieht und richtet nüchtern ihn die Welt!“ —
Und ich entschlief zuletzt; in einem Zelt
Träumt ich von einem eingestürzten Tempel.
Literarhistorische Anmerkung
Von Grabbe, dessen Werke nur wenige kennen, konnte der vorstehende Aufsatz nur einen ganz bestimmten Umriß geben. Man soll ja aber nicht nur über einen Dichter lesen, sondern diesen selbst. Wen ich dazu verlocken konnte, der wählt hierzu am besten die Ausgabe der sämtlichen Werke Grabbes im Verlag von Max Hesse, in der eine in der sachlichen Zusammenstellung vorzügliche Einleitung von Otto Nieten enthalten ist. Die früher bekannten Ausgaben von Grisebach und Oscar Blumenthal sind überholt, die zahlreichen, in Zeitschriften verstreuten Arbeiten von Duller, Hart, Poppenberg, Moeller v. d. Bruck, Krack, P. Friedrich u. a. sind in der Nietenschen Arbeit in ihren wesentlichen Teilen verwertet. Die zitierte Schrift von Karl Ziegler führt den Titel „Grabbes Leben und Charakter“ und ist wohl nur noch in Bibliotheken zu finden. Als Beispiel einer überheblichen Wissenschaftlichkeit, die wohl ihr Spezialgebiet kennt, aber den Zusammenhang mit dem Wesensganzen verloren hat, mögen die „Beiträge zum Studium Grabbes“ von C. A. Piper in den Munckerschen Forschungen zur neueren Literaturgeschichte warnend genannt sein. Desgleichen sei gewarnt vor den albernen Abstempelungen der Goedeke, Scherer, Gottschall und Bartels, die damit dem fluchwürdigen Brauch huldigten, quantitative Literaturgeschichte in konzentriert-aphoristischer Form zu treiben. Wer den deutschen Kerl Grabbe erfahren will, der — noch einmal sei’s gesagt — lese ihn selbst.
Im Herbst 1922.
M. G.