Sie ließ ihre Sänfte halten, und die Treiber schirrten die Maultiere ab. Es war ein altes Haus und ohne Mörtel gebaut; und seine steinernen Quader waren sonngebleicht. Aber der Besitzer des Hauses konnte Morgane nichts vom Spiegel sagen: denn er kannte ihn nicht.
Und des Abends, nachdem man die dünnen Fladen gegessen hatte, erzählte der Wirt Morgane, daß dieses Haus vom Ringe in alten Zeiten von einer grausamen Königin bewohnt war. Und sie ist für ihre Grausamkeit bestraft worden. Sie hatte befohlen, daß man einen frommen Mann köpfe, der da einsam inmitten der Wüste wohnte und die Pilger mit guten Worten im Flusse baden hieß. Und gleich darauf kam die Königin um mit ihrem ganzen Stamm. Und das Zimmer, in dem sie gewohnt hatte, wurde vermauert. Der Wirt zeigte Morgane die steinverschlossene Tür.
Darauf legten sich alle im Haus zur Ruhe in den viereckigen Räumen und unter dem Wetterdach.
Aber gegen Mitternacht weckte Morgane ihre Leute und ließ sie die vermauerte Tür aufbrechen. Und sie stieg durch das Mauerloch, eine eiserne Fackel in der Hand.
Und die Leute der Prinzessin vernahmen einen Schrei und folgten Morgane. Da lag sie inmitten des vermauerten Zimmers auf den Knien vor einem kupfernen Becken, und das war voll Blut; und ihre Augen stierten in das Blut. Und der Hauswirt hob die Arme: denn das Blut im Becken war nicht eingetrocknet seit damals, als die grausame Königin ein abgeschlagenes Haupt hineinlegen ließ.
Niemand weiß, was die Prinzessin in dem Spiegel aus Blut sah. Aber auf dem Heimweg fand man jede Nacht einen ihres Gefolges ermordet, das graue Gesicht dem Himmel zugewandt; und jeder war zuvor in der Sänfte gewesen. Und man nannte diese Prinzessin Morgane die Rote und sie war eine berühmte Hure und eine furchtbare Männermörderin.
Die Geopferte
Lilly und Nan dienten auf einem Bauernhofe. Sie schleppten im Sommer das Wasser aus dem Ziehbrunnen den in dem reifen Korn kaum sichtbaren Pfad entlang; und im Winter, wenn es kalt war und die Eiszapfen an den Fenstern hingen, kroch Lilly zu Nan ins Bett. Ganz vergraben in den Decken horchten sie auf den heulenden Wind. Sie hatten immer blanke Geldstücke in ihren Taschen und feine Brusttücher mit kirschroten Bändern; und ganz gleich blond waren beide und lustig. Jeden Abend stellten sie in die Ecke des Flurs einen Zuber mit schönem frischem Wasser; und da fanden sie auch, so sagte man, wenn sie aus dem Bett sprangen, die Silbermünzen, die sie von einer Hand in die andere klingen ließen. Denn die ›Pixis‹ warfen es in den Zuber, nachdem sie darin gebadet hatten. Aber weder Nan noch Lilly, noch sonst wer hatte je die ›Pixis‹ gesehen, wenn sie wirklich diese kleinen bösartigen schwarzen Dinger mit dem beweglichen Schweif sind, von denen in den Märchen und Balladen steht.
Eines Nachts hatte Nan vergessen, Wasser heraufzuziehen; man war auch im Dezember, und die Brunnenkette war ganz mit Eis überzogen. Und wie sie schlief, die Hände auf Lillys Schultern, da wurde sie plötzlich in die Arme gezwickt und in die Waden und schrecklich an den Haaren gerissen. Weinend wachte sie auf: »Morgen werd ich ganz schwarz und blau sein!« Und sie sagte zu Lilly: »Drück mich, halt mich: ich habe den Zuber mit frischem Wasser vergessen; aber ich geh nicht aus dem Bett, allen ›Pixis‹ von Devonshire zum Trotz.« Da küßte sie die gute kleine Lilly, stand auf, zog Wasser aus dem Brunnen und stellte den vollen Zuber in die Ecke. Als sie wieder ins Bett kam, war Nan schon eingeschlafen.
Und in ihrem Schlafe hatte die kleine Lilly einen Traum. Es schien ihr, als käme eine Königin an ihr Bett, ganz in grünen Blättern und mit einer goldnen Krone auf dem Kopfe; und sie rührte sie an und sprach zu ihr. Sie sagte: »Ich bin die Königin Mandosiane; Lilly, komm und hole mich.« Und sie sagte noch: »Ich sitze in einer smaragdnen Wiese, und der Weg, der zu mir führt, ist dreifarben: gelb, blau und grün.« Und sie sagte: »Ich bin die Königin Mandosiane; Lilly, komm und hole mich.«