anderes Schiff gestiegen und kein Schiff war mehr da, als die Sonne wieder aufging. Ach, was ist aus ihnen geworden? Wir werden sie wiederfinden, wenn wir bei unserem Heiland ankommen. Das ist noch sehr weit. Man spricht von einem großen König, der uns zu sich kommen läßt und der die Stadt Jerusalem beherrscht. In dieser Gegend ist alles weiß, die Häuser und die Kleider, und das Gesicht der Frauen ist von einem Schleier verhüllt. Der arme Eustachius kann diese Weiße nicht sehen, aber ich erzähle ihm davon, und er freut sich. Denn er sagt, das ist das Zeichen vom Ende. Der Herr Jesus Christus ist weiß. Die kleine Allys ist sehr müde, aber sie hält Eustachius bei der Hand, damit er nicht fällt und sie hat keine Zeit, an ihre Müdigkeit zu denken. Heute abend werden wir uns ausruhen und Allys wird wie immer nahe bei Eustachius schlafen und wenn die Stimmen uns nicht ganz verlassen haben, wird sie versuchen, sie in der hellen Nacht zu hören. Und sie wird Eustachius an der Hand halten bis zum weißen Ende der großen Reise, denn sie muß ihm den Heiland zeigen. Und ganz sicher wird der Heiland Mitleid mit der Geduld Eustachius’ haben und wird erlauben, daß Eustachius ihn sieht. Und vielleicht wird dann Eustachius die kleine Allys sehen.
ERZÄHLUNG PAPST GREGORS IX.
Hier ist das mörderische Meer, das so unschuldig und blau erscheint. Seine Falten sind weich und es ist weiß umrandet, wie ein göttliches Kleid. Es ist ein flüssiger Himmel und seine Sterne leben. Ich denke darüber nach, auf diesem Felsenthron, auf den ich mich aus meiner Sänfte tragen ließ. Dieses Meer liegt wirklich inmitten der Länder der Christenheit. Das geweihte Wasser fließt hinein, in dem der Heiland die Sünde wusch. Über sein Gestade beugten sich die Gestalten aller Heiligen und es wiegte ihre durchsichtigen Spiegelbilder. Großes, gesalbtes, geheimnisvolles Meer, das weder Ebbe noch Flut hat, Wiege des Azurs, wie ein flüssiger Edelstein in das Erdenrund gebettet, ich befrage dich mit meinen Augen. O Mittelmeer, gib mir meine Kinder wieder! Warum hast du sie genommen? Ich habe sie nicht gekannt. Ihr frischer Atem hat mein Greisenalter nicht umhaucht. Sie kamen nicht, um mich mit ihren zarten, halbgeöffneten Lippen anzuflehen. Ganz allein, wie kleine Landstreicher voll außerordentlichen, ungestümen Glaubens, eilten sie nach dem gelobten Lande und wurden vernichtet. Von Deutschland und Flandern, von Frankreich, Savoyen und der
Lombardei kamen sie zu deinen treulosen Wellen, heiliges Meer, undeutliche Worte der Anbetung murmelnd. Sie zogen bis zur Stadt Marseille. Sie zogen bis zur Stadt Genua. Und du trugst sie auf deinem breiten, schaumgekrönten Rücken in Schiffen davon; und du wandtest dich um und strecktest deine grünen Arme nach ihnen aus und hast sie behalten. Und die anderen hast du verraten, da du sie zu den Ungläubigen führtest; und jetzt seufzen sie als Gefangene der Anbeter Mohammeds in den Palästen des Orients.
Einst ließ dich ein hochmütiger König Asiens mit Ruten peitschen und mit Ketten beladen. O Mittelmeer, wer wird dir verzeihen? Du bist beklagenswert schuldig. Dich klage ich an, dich allein, deine Klarheit ist trügerisch, du bist ein schlechtes Spiegelbild des Himmels. Ich lade dich zur Verantwortung vor den Thron des Höchsten, dem alle geschaffenen Dinge untertan sind. Geweihtes Meer, was hast du an unseren Kindern getan? Hebe zu Ihm dein blaues Antlitz, strecke Ihm deine schaumbedeckten Finger entgegen; lächle dein unendliches purpurnes Lächeln; laß dein Rauschen sprechen und gib Ihm Rechenschaft.
Du bleibst stumm mit allen deinen Mündern, die zu meinen Füßen am Strande ersterben. In meinem Palast zu Rom gibt es eine alte schmucklose Zelle, die das Alter gebleicht hat wie ein Chorhemd. Papst Innocenz pflegte sich dorthin zurückzuziehen. Man behauptet,
daß er dort lange Zeit über die Kinder und über ihren Glauben nachgedacht hat und daß er vom Herrn ein Zeichen forderte. Hier, von der Höhe dieses Felsenthrones, in freier Luft, erkläre ich, daß dieser Papst Innocenz selbst den Glauben eines Kindes hatte und daß er vergeblich sein müdes Haupt schüttelte. Ich bin viel älter als Innocenz, ich bin der Älteste aller Statthalter Gottes, die der Herr hier unten eingesetzt hat und ich beginne erst zu begreifen. Gott offenbart sich nicht. Hat er seinem Sohne am Ölberge beigestanden? Gab er ihn nicht preis in seiner höchsten Angst? O kindliche Torheit, seine Hilfe anzuflehen! Alles Übel und jede Versuchung wohnt nur in uns selbst. Er hat vollkommenes Vertrauen in das durch seine Hände geschaffene Werk. Und du hast sein Vertrauen verraten. Göttliches Meer, wundere dich nicht über meine Sprache. Alle Dinge sind gleich vor dem Herrn. Die stolze Vernunft der Menschen gilt nicht mehr im Vergleich mit dem Unendlichen als das kleine leuchtende Auge eines deiner Tiere. Gott gewährt gleiche Gunst dem Sandkorn wie dem Kaiser. Ebenso sündlos wie das Gold unter der Erde reift, denkt der Mönch im Kloster nach. Ein Teil der Welt ist so schuldig wie der andere, wenn sie vom Pfad der Tugend abweichen; denn sie stammen von Ihm. In seinen Augen gibt es weder Steine, noch Pflanzen, noch Tiere, noch Menschen, sondern nur Geschöpfe. Ich sehe all die weißen
Köpfe, die deine Wellen krönen und die in dein Wasser tauchen; sie springen nur eine Sekunde in das Licht der Sonne und sie können verdammt oder erlöst sein. Ein sehr hohes Alter verringert den Ehrgeiz und klärt die Religion ab. Ich habe ebensoviel Mitleid mit dieser kleinen Muschel, wie mit mir selbst.
Deshalb klage ich dich an, mörderisches Meer, daß du meine kleinen Kinder verschlungen hast. Denke an den asiatischen König, der dich bestrafte. Aber er war kein hundertjähriger König. Er war nicht alt genug. Er konnte nicht die Dinge des Weltalls verstehen. Ich werde dich daher nicht bestrafen. Denn meine Klage und dein Rauschen würden zu gleicher Zeit vor den Füßen des Höchsten ersterben, wie das Geräusch deiner Tröpfchen zu meinen Füßen. O Mittelmeer, ich verzeihe dir und spreche dich los. Ich gebe dir die heilige Absolution. Ziehe hin und sündige nicht mehr. Ich bin, wie du, schuldig mancher Sünden, die ich nicht kenne. Du beichtest unaufhörlich am Strande mit deinen tausend seufzenden Lippen und ich beichte dir, großes, heiliges Meer, mit meinen welken Lippen. Wir beichten einer dem andern. Sprich mich los und ich spreche dich los. Laß uns zurückkehren zur Unwissenheit und Reinheit. Amen.
Was soll ich auf Erden tun? Ein Sühnedenkmal wird errichtet werden, ein Denkmal für den Glauben, der nicht weiß. Die Zeiten, die nach uns kommen,