»Wie sollt' ich? Ihr seid mir ganz fremd.«
»Beinah' wär' ich vorgesprungen«, sprach der Jüngling lächelnd, »und hätt' mir einen Apfel aus des Engels Korb geholt. Vor zwölf Jahren war ich der erste, der's wagte!«
»'s ist mein Hans, mein kleiner Hans!« rief der Pfarrer, den errötenden Jüngling mit den Armen umschlingend und küssend. Auch Grete begrüßte freudig ihren Liebling.
»Ihr tut mir viel zu viel Ehr' an«, sprach dieser; »aber o, wie lacht mir's Herz, Euch wiederzusehen! Und so wacker und frisch nach allem, was Ihr gelitten! Erst in Magdeburg erfuhr ich, daß Ihr lebt.«
»O sage mir, bist du der einzige, der noch meiner gedenkt? Nein, nicht meiner, sondern der himmlischen Wahrheit, die ich euch lehrte?«
»Der einzige? Wo denkt Ihr hin! Viele, viele gedenken Euer und sind treu geblieben. Nach Hamburg zogen die meisten, als Ihr uns entrissen wurdet; etliche auch weit übers Weltmeer. Auch ich hab' mehr auf dem Wasser gelebt als zu Lande; aber das, was Ihr mir ins Herz gelegt, hab' ich nimmer vergessen! Als ich jüngst von langer Fahrt heimkam, waren die Eltern gestorben, und Lotte, meine Schwester, ganz verlassen. Da nahm ich sie zu mir und wandte mich gen Magdeburg, weil ich hörte, daß es eine wackere, reiche Stadt sei, wo jeder sein Brot fände für Leib und Seele. Ich hab' auch gute Arbeit, die mich und die Schwester reichlich nährt. Aber daß ich Euch gefunden hab', ist doch das Beste!«
Als die Gäste fort, und die Kinder, mit Armbrust und Puppe beglückt, zu Bett waren, saßen der Pfarrer und seine Frau noch lange beisammen.
»Nun erst bin ich hier so recht glücklich«, sprach Thomas. »O wie oft hab' ich mich gesehnt, zu wissen, ob meine erste, so angstvolle Arbeit wohl etliche Frucht gebracht habe! Nun darf ich auch von meinen Niederländern sagen: ›Hier bin ich, HErr, und die Kinder, die Du mir gegeben hast!‹«
»Es kann ja nicht anders sein, mein Thomas«, erwiderte Anna. »Wer sich so ganz seinem heiligen Amt hingibt, wer nicht Ehre, nicht Gut, nicht behaglich Leben sucht, sondern nur die Seligkeit der anvertrauten Seelen, wer den Verlorenen so geduldig nachgeht und der Schwachen wartet, dessen Arbeit muß Gott ja segnen! Aber auch ich kann dir fröhliche Botschaft bringen. Gottfried trat zu mir, nach seiner Weise errötend wie ein Mägdlein, und verriet mir ein tiefes Geheimnis. Er hat Lotte, die Schwester deines Hans, liebgewonnen, obgleich sie erst wenige Wochen in Magdeburg ist. Nun fragt der gute Junge mich, was er tun soll! Frau Berta weiß es schon, und will das arme Kind, das nichts mitzubringen hat als fleißige Hände und ein frommes Herz, mit Freuden als Tochter annehmen. Da sieht man, wie Gottes Wort den Sinn wendet!«
»So hat uns Gott beiden ein köstliches Weihnachtsgeschenk gesendet, und weggenommen, was unsere Herzen bedrückte«, erwiderte Thomas. »Horch, was singt unser Christoph noch in seinem Bettchen?«