Nachmittags traf man sich wieder in einem der großen, schattigen College-Gärten. Mit gewohnter Königstreue hingen die Blicke Vieler an jeder Bewegung des Prinzen; andere Menschen lustwandelten zwischen den blühenden Sträuchern oder bewunderten die vielen hübschen Erscheinungen, deren helle Kleider selbst gegen die imposante Pracht der blutrothen Talare aufkommen konnte. Zwei einheimische Damen wurden viel bemerkt. Die eine war meine gütige Wirthin, die Gattin des Master of Trinity; aus vornehmer schottischer Familie stammend, hatte sie unlängst, als einundzwanzigjähriges junges Mädchen, im großen philologischen Examen, an welches sich immer nur Wenige heranwagen, ihre sämmtlichen männlichen Nebenbuhler geschlagen, und zwar dergestalt, daß sie sich als Einzige in der ersten Abteilung befand. So war plötzlich ihr Name in Jedermanns Mund, die „Times“ brachte einen Leitartikel und die Königin schenkte ihr ein Armband. Aehnliches Aufsehen erregte vor kurzem die zweite junge Dame, welche, weißgekleidet, sich mit Bekannten unterhielt. Das Ergebniß der Examina wurde öffentlich verlesen, die Liste der Männer war beendet, nun begann die der Frauen, und unter stürmischem Beifall wurde verkündet, daß Miß Fawcelt sich die erste Stelle in Mathematik erobert habe, der „Senior Wrangler“ des Jahres sei. Jetzt unterrichtet sie an einem der beiden Cambridger Frauen-Colleges.
Unlogischerweise nahmen jedoch auch die berühmtesten weiblichen Leuchten der Universität an dem abendlichen Festessen keinen Theil! Sonst war es ja ein sehr schöner Anblick. In der mittelalterlichen Halle von Trinity saßen die echten, wie die neugebackenen Doctoren an langen eichenen Tischen. Ueber den Häuptern tief nachgedunkeltes Gebälk; rings herum alte Bilder der berühmten Vorgänger. Durch Spitzbogenfenster sah man auf den großen historischen Hof und jenseits vom plätschernden, mattbeleuchteten Springbrunnen wies man mir ein Fenster, dort hatten ihrerzeit Sir Isaac Newton, Macaulay und Thackeray als Studenten gewohnt.
Ich weiß nie recht, ob mir England fortschrittlich modern oder traditionsvoll uralt erscheinen soll. Es ist Beides in so hervorragendem Maß!
Herzliche Grüße an Alle — treulichst
Euer
Udo.
XII.
Noxcombe Castle, Buckinghamshire.
Liebe Eltern!
Hier bin ich seit vorgestern bei Sir Arthur und Lady Ascard, dem jungen Ehepaar, mit welchem ich in Tarasp so viel verkehrte und das mich so freundlich nach England einlud.
Sie müssen verboten reich sein, und zwar stammt das Vermögen von ihr, der Erbin eines großen Fabrikherrn, welcher in der Gesellschaft sehr bekannt war und, wenn er noch lebte, sicherlich Pair des Reiches sein würde. Sir Arthur ist der jüngere Sohn einer guten, alten Buckinghamshire-Familie und wurde kürzlich vom conservativen Ministerium durch den Baronetstitel für seine Bemühungen und Geldopfer während der Wahlen belohnt.