Als ich durch die Rosenbeete schlendernd nach der Vorderseite des Schlosses herumkam, fuhr ein Jagdwagen mit Gepäck und einer Jungfer an mir vorüber, und vor der Hausthür erblickte ich Lady Ascard’s schimmelbespannte Victoria. Instinctiv wußte ich, wer jetzt — auf immer — ihr Heim verließ. Am Dienerschaftsflügel erschienen erschrockene Frauengesichter an den Fenstern, durch die offene Hallenthür erkannte ich den Haushofmeister und die Wirthschafterin, welche augenscheinlich mit ihrer Herrin sprachen — sie hat eine sehr freundliche Art und Weise mit ihren Leuten. Dann trat sie hastig und sicher über die Schwelle, bestieg den Wagen und lehnte sich in die Kissen zurück. Die Pferde zogen an, da erschien am offenen Fenster die Nurse mit den drei kleinen Kindern; einen Augenblick sah Lady Ascard hinauf — wie sie an mir vorüber fuhr, starrte sie leichenblaß vor sich hin; ich grüßte, aber sie erkannte mich nicht. Die Kinder klatschten in die Hände und kreischten vor Freude: „Mama, Mama!“ Ich will offen gestehen, daß ich mich hastig wegwandte.
Um halb zehn läutete es zur Hausandacht, welche Sir Arthur mechanisch verlas; alle Gäste hatten sich schon vorher eingefunden, während man sonst erst zwischen zehn und elf allmälig zum Frühstück nachgezügelt erschien. In den Fenstervertiefungen standen kleine Gruppen mit möglichst nichtssagenden Gesichtern und unterhielten sich leise. Beim Frühstück erstrebte man einen denkbarst harmlosen Ton und besprach auffallend eingehend das Wetter. Der Sturz des armen, guten Colonel wurde lebhaft beklagt, wie auch die plötzliche Abberufung der lieben Lady Ascard nach London, und Alle, ohne Ausnahme, brachten ihre einleuchtenden Gründe hervor, weshalb es ihnen ganz besonders bequem wäre, gerade heute Noxcombe Castle zu verlassen. Auch ich erwähnte Freunde, die mich eigentlich jetzt bereits dringend erwarteten, telegraphirte den Farringham’s, ob sie mich empfangen würden und bleibe hier in Richbourne, bis ich ihre Antwort erhalte; paßt mein Besuch ihnen jetzt nicht, so reise ich weiter nach London.
Wenn ich aber noch viel länger schreibe, könnte ich am Ende in sittenpredigende Gemeinplätze verfallen und höre besser auf.
Euer treuer
Udo.
XIV.
Richbourne.
Liebe Eltern!
Von den Farringham’s erhielt ich ein liebenswürdiges Telegramm; sie waren auf einige Tage verreist, kehren aber heute nach Harting Hall zurück, wo ich denn Abends auch eintreffen werde.
Gestern war ich am Bahnhof, um nach einem verlornen Gepäckstück zu forschen, und stieß unvermuthet auf Lord Caldoun, der in der schlechtesten Laune den arg verspäteten Londoner Zug erwartete. In Noxcombe Castle hatte er mir von Allen am besten gefallen; leichtsinnig ist er zwar gehörig, doch läßt sich seine Vorliebe für Theaterdamen und verheirathete Frauen vielleicht durch die raffinirten Nachstellungen sämmtlicher Mütter und Töchter der Londoner Gesellschaft entschuldigen. Mit Sir Arthur ist er nahe befreundet und blieb nach dem Abzug aller übrigen Gäste zurück. Wir gingen einträchtig auf und ab, schließlich fragte ich ihn ganz direct: „Sie wissen, daß ich es gut mit den armen Ascard’s meine; sagen Sie mir aufrichtig, was wird nun daraus. Ist ein Duell denn gänzlich ausgeschlossen?“ Ueberrascht sah er mich an und antwortete nach einigen Secunden: „Ich glaube es Ihnen sagen zu können. Nein, ein Duell ist rein undenkbar, das kommt Niemandem in den Sinn; käme aber Jemand auf eine uns so theatralisch erscheinende Idee, so würde die Gesellschaft ihn nicht nur verdammen, sondern ins Lächerliche ziehen. Was ich aber befürchte, ist eine Ehescheidungsklage, und das wäre haarsträubend. Um Gottes Willen, was könnte man nicht Alles ans Licht ziehen! Ich, alle übrigen Hausfreunde, die ganze Dienerschaft würden eidlich verhört werden; bis an die Shetlandinseln, bis Melbourne, bis San Francisco würde sich jeder Gassenjunge an den wortgetreuen, spaltenlangen Zeitungsberichten erbauen! Sie kommen ja glücklicherweise keineswegs in Betracht, überhaupt ahne ich nicht, woher Ihre Sachkenntniß stammt?“ Wohlweislich hüllte ich mich in diplomatisches Schweigen, und zu tactvoll, um näher zu fragen, erzählte er mir weiter: „Ich habe mein Möglichstes gethan, um ihn zu einer gutwilligen Trennung zu bewegen, habe an beiderseitige Verwandte telegraphirt und soll Lady Ascard morgen in London sprechen; ein schlimmer Gang! Die arme, kleine Nelly, wie fidel war sie noch gestern! Arthur Ascard würde natürlich die Kinder behalten, für die Frau mit ihrem großen Vermögen bleibt dann immerhin noch Florenz oder Homburg oder Monte Carlo. Der Fitzstuart wird in Noxcombe Castle noch mindestens drei Wochen in Gips und Gewissensbissen liegen, und wenn er auch selbstverständlich auf das Beste verpflegt wird, wäre ihm ein Armenspital wahrscheinlich sympathischer.“ Dann trank Caldoun, vom ungewohnt langen Sprechen ermüdet, einen Brandy and Soda, kaufte sich acht verschiedene Zeitungen, illustrirte Blätter und Wochenschriften, um die dreistündige Reise nach London zu ertragen, schimpfte auf die verrottete Eisenbahngesellschaft und bestieg dann mit herzlichem Händedruck und der Einladung, nächstes Jahr mit ihm Elkhirsche in Canada zu jagen, den Pullmancar des endlich angelangten Zuges.
Ich verlebte einen einsamen, tristen Abend im kleinen Gasthof — so schroff es klingen mag, eine englische Provinzialstadt ist factisch noch um Mehreres langweiliger als anderswo. Allerdings entschädigten mich heute einige Stunden in und um die wahrhaft einzig stimmungsvolle, ehrwürdige Cathedrale, und meine Camera und meine Gedanken leisteten mir Gesellschaft. Doch freue ich mich herzlichst, von hier fortzukommen, freue mich auf heute Abend und den Familienkreis im gemüthlichen Harting Hall. Von dort das Weitere; an alles Grüßbare Grüße von