Gestern früh war ich eingeladen worden, mit den Willoughby Greene’s zu frühstücken und einige Musterfarms zu besichtigen. Erst gegen fünf Uhr konnte ich mich loseisen, verließ zu Anfang des Parks meinen kleinen Selbstfahrer und ging etwas sentimental bewegt im Gefühl, daß „es“ heute zur Sprache kommen müsse, durch den Garten aufs Haus zu. Die großen Saalthüren stehen offen, ich trete hinein: das Farringham’sche Ehepaar sitzt gerührt auf dem Sopha, und Agneta lehnt sich verklärt an die Schulter eines mir den Rücken zukehrenden Mannes! Eine peinliche Stille entsteht, Agneta fährt zurück und wendet sich ab, das fremde Individuum beugt sich über einige auf dem Tisch stehende Photographien, Mr. Farringham bekommt einen heftigen Hustenanfall, er verschwindet mit würdeloser Eile, nur die Hausfrau faßt sich, kommt mir ruhig und freundlich entgegen und stellt mir Mr. Ranleigh Barton, den Bräutigam ihrer Tochter, vor. Der Raum, die Leute, Alles kam mir einen Augenblick sehr fremdartig vor; ich verbeugte mich tief gegen das Paar, sagte einige Glückwünsche her und verließ das Zimmer. Oben bei mir angekommen, warf ich mich in einen Stuhl, ergriff ein Buch, versuchte zu lesen, kam aber mit dem besten Willen nicht über die erste Seite hinaus. Nach einiger Zeit — ob nach einer halben oder ganzen Stunde, ahne ich nicht — klopft man; ich rufe „herein“, da steht Agneta in der offenen Thür! Wir errötheten beide, sie stammelte und stockte und bat mich schließlich, ihr in den Garten zu folgen.

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GRÖSSERES BILD]

Schweigsam gingen wir die Treppen hinunter und schweigsam über den Rasen nach den hohen, dunkeln Taxushecken, welche in verschlungenen Wegen die üppig durcheinander blühenden Blumenbeete umgeben. Das Sprechen schien ihr schwer zu fallen; endlich begann sie mit unsicherer Stimme, sie wünsche gerade mir aufrichtig und offen zu sagen, wie es mit dieser plötzlichen Verlobung stehe. Vor acht Jahren hatte sie ihren Bräutigam bei dessen Vetter, dem Staatsminister Ralph Barton, getroffen, er war dort als Privatsecretär angestellt und hatte seine junge Frau soeben in einer Anstalt für unheilbare Geisteskranke untergebracht. Bald entdeckten er und Agneta gemeinsame Anschauungen, Interessen und Bestrebungen, und sie wurden eng befreundet; da auf einmal vermied er, ihr zu begegnen, und sie ahnte und billigte die Ursache. Er ließ sich nach Australien versetzen, lange Zeit über vernahm sie kein Sterbenswörtchen von ihm, dann, vor wenigen Jahren, erhielt sie einen im ruhigen, kameradschaftlichen Ton ihrer ersten Bekanntschaft gehaltenen Brief, und nun schrieben sie sich von Zeit zu Zeit über ihre Beschäftigungen, über neue Bücher, über die Anregungen des Tages. Die einstige, nie gestandene, von beiden befürchtete Gefahr schien so vollständig vorüber, als wäre sie nie gewesen. Sie zögerte. „Ich betrachtete ihn als meinen wahren, aufrichtigen Freund, der sich ebenso über meine eventuelle Verlobung gefreut hätte, wie ich, wenn seine Frau genesen, zu ihm heimgekehrt wäre. Vor drei Monaten ist die Aermste, ohne daß wir es bis heute erfahren haben, gestorben, und sobald er sich frei machen konnte, verließ er Australien. Erst wollte er mir von dort aus seine veränderte Lebenslage mittheilen, zog dann vor, allmälig zu sehen, wie die Sachen bei uns ständen, kam aber schließlich, einem plötzlichen Drange folgend, gleich nach seiner Ankunft, unangemeldet, vor einigen Stunden hier an... Es hat sich dann gleich gemacht... Ich glaube gar nicht, daß Sie sich vorstellen können, wie glücklich wir sind!... Es lag mir besonders daran... gerade Ihnen... dies Alles zu sagen.“ Schweigend hatte ich zugehört, während sie mir dies mit ruhiger, etwas befangener Schlichtheit erzählte; jetzt schüttelten wir uns lange, herzlich und ausdrucksvoll die Hände, worauf sie mich verließ und nach Hause ging.

Anstandshalber konnte ich meinen Rückzug nach London nicht allzu hastig ergreifen; doch möchte ich kaum behaupten, daß der gestrige Abend übertrieben gemüthlich gewesen sei. Mrs. Farringham war zwar reizend tactvoll und aufmerksam, und nach Tisch entführte mich der Hausherr zu einer Partie Billard. Während er anschrieb und mir den Rücken zuwendete, sagte er nach einigem Räuspern, seiner Ansicht nach hätte Agneta mich recht schlecht behandelt; doch habe sie mir wohl selber Alles auseinandergesetzt; im Uebrigen wäre ich ein „first rate fellow“. Mit diesem, in Mr. Farringham’s Mund fast überschwenglich erscheinenden Lob schloß seine erste und letzte vertrauliche Mittheilung.

Begreiflicherweise sah ich mir den Barton mit nicht ganz unkritischen Augen an und gestehe offen, daß es mich ein klein wenig freute, weit größer, vielleicht auch etwas hübscher als er zu sein. Doch kann ich wiederum nicht leugnen, daß er einen angenehmen, intelligenten Eindruck macht; was er bei Tisch über australische Verhältnisse erzählte, hatte durchweg Hand und Fuß und wurde mit angemessener Bescheidenheit vorgetragen. Ja, ich will noch ein weiteres Zugeständniß machen — Agneta und er passen ganz selten gut zu einander, erscheinen unglaublich glücklich, wenn auch, Gott sei Dank, in weniger demonstrativer Auffälligkeit als es in Deutschland üblich.

Meine Gefühle haben einen mich selbst auf das Höchste überraschenden platonischen Anstrich erhalten. Augenscheinlich bin ich ein furchtbar nüchterner Mensch, denn in allen anständigen Romanen und Trauerspielen trifft regelmäßig das genaue Gegentheil ein — aber ich muß ehrlich gestehen, daß ihre offenkundige Liebe zu einem Anderen in mir eine entschiedene Gelassenheit neben aller ungeminderten bewundernden Achtung für sie hervorruft.

Noch immer glaube ich, daß wir beide eine wirklich ganz glückliche Ehe hätten eingehen können; das reiche, volle Verständniß dieser beiden gleichgearteten, gleichgesonnenen Wesen wäre uns aber nie in dem Maße zu Theil geworden, wird gewiß nur den Wenigsten zu Theil.

Auch ist mein Leben noch nicht abgeschlossen, ich ahne nur klarer als früher, was möglich, was erreichbar sein könnte — wer weiß!

Dein Bruder
Udo.