Nach dem Dessert erhoben sich die Damen, der alte Southerley öffnete ihnen selber die Thür und stand, mit der Klinke in der Hand, bis die Letzte an ihm vorbeirauschte. Dann rückten die Herren zusammen, tranken ein Gläschen Port, rauchten ein Cigarrettchen und politisirten erst recht darauf los. Begreiflicherweise langweilte mich dieses auf die Dauer, und ich war froh, als wir uns hinauf zu den Damen begaben. Dort ergriff mich die nette Schwiegertochter und zeigte mir die in den großen Räumen herumhängenden Rembrandt’s, Veronese’s, Sir Joshua Reynold’s und andere Herrlichkeiten. Darauf verabschiedete man sich bald, da Alle, auch die Gastgeber, noch mehrere gesellige Pflichten zu erledigen hatten. Hoyen sah nach der Uhr, es war halb Elf. „Zu einem Ball ist es noch zu früh, sollen wir einige Abendempfänge noch mitmachen oder in den Club?“ Ich optirte für das Letztere, und so fuhren wir vor das ernste Gebäude in St. James’s-Street, dieser classischen Stätte der historischen Clubs.

In den mit anspruchsloser Vornehmheit eingerichteten Räumen befanden sich eine Unmenge Herren im Frack und weißer Binde; tiefernst lasen sie Zeitungen, kritzelten mit affenartiger Geschwindigkeit ihre Briefe oder saßen um die Tische der Spielzimmer. In den Fluren und an der Treppe streckten sich zahllose Jünglinge auf den dunkeln ledernen Divanen und schwatzten und kicherten mit gedämpfter Stimme. Hier und da trank einer ein Täßchen Kaffee, einen Cognac oder Selterswasser, die Meisten, wie auch wir, nahmen nichts. Zum Rauchen gab es getrennte Zimmer, die übrigen Räume waren musterhaft gelüftet. „Ja,“ meinte Hoyen auf meine Bemerkung, „die Engländer vergöttern die Aristokratie, sind aber keineswegs exclusiv und nehmen leicht einen Gentleman, was auch sein Vater gewesen, in ihre Kreise hinüber. Zum Gentleman aber gehört, daß man eine vornehme Schule besucht hat, Abends zum Mittagessen sich in einen Frack wirft, peinlich die Wahrheit spricht, ohne tägliche Bäder umkommt und stickige, verbrauchte Luft wie den Tod verabscheut. Also ein bißchen Nietzschianerthum.“ Hier trafen wir auch mehrere Hoyen’sche Bekannte, welche ebenfalls gesonnen waren, den Levinsohn’schen Ball mit ihrer Gegenwart zu beehren. Augenscheinlich verkehrt ganz London bei diesem ursprünglich deutsch-semitischen Bankiers, auch die königliche Familie, was der nur für solche Gelegenheiten bestimmte, auf die Straße gelegte scharlachrothe Teppichläufer schon von Weitem bekundet. Doch bekam ich weder den Prinzen von Wales noch die Wirthe zu sehen. Um uns drängte sich eine dicht gekeilte Menge, es stauten sich die tadellos angezogenen jungen Herren und die Damen in ihrer blitzenden Diamantenpracht und den schneeweißen Schultern. Im Stimmengeschwirr hörte man von der auf zwölfhundert Pfund geschätzten Blumendecoration schwärmen, Andere jammerten über die „Ananastreibhaushitze“ und Andere wieder erzählten von den fünf berühmtesten Schönheiten Londons, welche die Festlichkeit krönten. Aber unser erneuter, mannhafter Versuch, die mit verschwenderischer Rosenfülle umkränzte Treppe hinauf zu gelangen, schlug fehl, auch das Eßzimmer war undurchdringlich dicht belagert, und so standen wir nach einer halben Stunde wieder auf der Straße. Einige Häuser weiter gab es ebenfalls vorfahrende Wagen, Treppenläufer und dichte Scharen wartender Diener. Einen derselben frug Hoyen nach dem Namen der gesellschaftgebenden Herrschaft, erinnerte sich dunkel, mit einer der Töchter ’mal getanzt zu haben, vermuthete zu diesem Abend eingeladen zu sein, ging mit mir hinein und dann aus der Garderobe schnurstracks in das Eßzimmer. Dort traf er mehrere Bekannte, zu denen wir uns an einen der kleinen Tische setzten und höchst gemüthlich abendbroteten. Darauf machte sich Hoyen noch etwas liebenswürdig und geleitete alte Damen an ihre Wagen; schließlich holten wir unsere Sachen und verließen, ohne unsere Gastgeber auch nur erblickt zu haben, das Haus. Als aber mein Willy hierauf noch einen Stoß Einladungskarten herausholte und mir kaltblütig noch weitere Gesellschaften vorschlug, krümmte sich denn doch selbst der Wurm, und störrisch verlangte ich nach Hause zu gehen.

[❏
GRÖSSERES BILD]

Chaotisch confus, schlief ich ein, und ebenso wachte ich heute wieder auf. Sagt mal, ist es unbedingt nothwendig, Onkel Krastenow zu schreiben? Als er mir die hochanständige Donation zur Reise verlieh und mir den zweimonatlichen Urlaub von der Regierung erwirkte, gelobte ich mir, ergriffen und dankerfüllt, ihm recht regelmäßige und ausführliche Briefe zu schicken. Und nun kritzle ich Euch statt dessen zwangloses Zeug, und mir graut vor schön geschriebenen ehrpusseligen Reiseberichten.

Darf ich vorschlagen, ihm statt langweiliger Schilderungen später in Naudorf bei einer Cigarre Alles mündlich vorzuerzählen? Kann man das wohl bei einem ergrauten Erbonkel riskiren?

In Eile und Liebe

Euer
Udo.

II.

London.