Für Georg haftete der Reiz des Versagten an jedem Gegenstand in Salomons Auslagekasten. Er kam nie ohne Herzweh an ihm vorüber und knüpfte, so oft es anging, ein Gespräch mit Levi an, um alle die Kostbarkeiten, die er ausbot, mit Muße betrachten und sogar berühren zu dürfen.
„Ach Salomon,“ sagte er ihm einmal, „wie glücklich bist du! Kannst immer auf und ab gehen, und mußt nicht mehr in die Schule, hast so viele schöne Sachen und kannst sie den ganzen Tag ansehen. Wie froh mußt du sein!“
Salomon sah ihn wehmütig an. In welchem Irrtum war Georg befangen! Wenn Salomon alle die „schönen Sachen“ anbrächte, und noch viele andre und Geld für sie bekäme und studieren könnte, dann wäre er froh.
Sie hielten nun täglich eine Unterredung, eine kurze bloß, denn Georg wußte, daß der Vater ihn daheim fast regelmäßig, mit der Uhr in der Hand, erwartete, und wenn er sich um ein paar Minuten verspätete, dann gab es böse Minuten für seine arme Mutter.
So flüchtig aber auch die Begegnungen der beiden Knaben waren, sie bildeten allmählich ein starkes Band. Jeder von ihnen kannte das Leiden; einer bedauerte den andern und beneidete ihn auch. Fürs Leben gern hätten sie getauscht, verhandelten oft darüber und waren schon gute Bekannte gewesen vor jenem Februarmorgen, an dem der Vorzugsschüler dem Hausierer zugerufen hatte:
„Bist eine Nachtigall worden?“
Helles Entzücken durchströmte ihn, als Salomon ihm ein Instrumentchen zeigte, nicht größer wie eine Nuß, in dem alle Flötentöne der Nachtigall schliefen. Man brauchte es nur zwischen die Lippen zu nehmen und geschickt mit der Zunge zu behandeln, um den lieblichen Gesang zu wecken. Er hätte sich auf die Knie werfen und Salomon beschwören mögen: „Sei gut, sei großmütig, schenk mir die Nachtigall!“ Aber das Bild seines Vaters schwebte ihm vor, er vernahm die Worte: „Du bist ein Beamtensohn, du unterstehst dich nicht, etwas anzunehmen, nicht ein Endchen Bleistift, nicht eine Feder. Von keinem Mitschüler, von keinem Menschen.“
So stotterte er denn mit fliegendem Atem: „Was kostet die Nachtigall?“
Sie kostete zwanzig Heller, und Salomon hatte heute schon ein paar Dutzend verkauft und hoffte, noch ein paar Dutzend zu verkaufen und bald auch seinen ganzen Vorrat, denn sie gingen reißend ab.
Georg überlegte: „Wirst du in fünf Tagen keine mehr haben...? Hebe mir eine auf, ich bitte dich. Wenn ich mein Jausengeld erspare, habe ich in fünf Tagen zwanzig Heller beisammen und kann dir die Nachtigall bezahlen.“