„Sind die Aufgaben gemacht?“

„Ich werd sie morgen machen,“ erwiderte Georg bang und zögernd. „Morgen ist Sonntag ...“

„Ja so. Bring die Aufgaben!“ Pfanner sah sie durch. „Eine Fabel aus Deutsch in Latein übersetzen. Griechische Grammatik zu lernen: Unregelmäßigkeit der Deklination. Geometrie: Drei Aufgaben. Geschichte: Wiederholung, von den Kreuzzügen bis zu Rudolf von Habsburg. Und von alledem nichts gemacht? nichts? Das alles soll morgen bewältigt werden?“ Er dekretierte: „Geschichte heute noch wiederholen, aufmerksam durchlesen. Wenn man am Abend etwas aufmerksam durchliest, weiß man es am nächsten Morgen wörtlich.“

„Es sind sechsundzwanzig Seiten,“ wagte Georg einzuwenden.

„Zweiundzwanzig, vier Seiten nehmen die Illustrationen ein.“ Er legte das Buch vor ihn hin: „Setz dich, lern!“

Der Knabe tat, wie ihm geheißen worden. Gut also, gut, so setzt er sich denn hin und lernt. Daß er müd und schläfrig ist, was liegt daran, ihm ist alles recht, er lernt. Wenn er sich nur zu Tode lernen könnte, das wäre ihm das allerliebste. Wenn er tot wäre, hätte er Ruhe, und seine Mutter hätte Ruhe, brauchte sich seinetwegen nicht beschimpfen lassen. So begann er denn zu lesen: „Schon in den ersten Jahrhunderten trieben Andacht und Glaubensinnigkeit die Christen zu den heiligen Stätten ...“


An schönen Sonntagnachmittagen unternahm Pfanner regelmäßig einen Spaziergang, und Georg durfte ihn begleiten. Ein Vergnügen, auf das die Mutter längst freiwillig verzichtet hatte, und von dem das Kind trauriger heimkehrte, als es ausgewandert war. Mit dem Vater spazieren gehen, bedeutete, an jeder Unterhaltung, jedem Genuß vorübergehen. Dort drüben, im luftigen Prater, wurde nach der Scheibe geschossen, im Luftschiff, im mechanischen Ringelspiel gefahren, da gab's Theateraufführungen, Wachsfigurenkabinetts, eine Damenkapelle, Zigeunermusik. Und ein Aquarium und ein Panorama und so vieles Schöne noch, von dem Georgs Mitschüler zu erzählen wußten. Wenn er eine Anspielung wagte, eine Frage stellte: „Warst du schon einmal im Wurstelprater? Hast du schon einmal die Zigeuner spielen gehört?“ antwortete der Vater voll Verachtung: Was man im Wurstelprater zu sehen und zu hören bekäme, sei lauter elendes Zeug, an dem nur ungebildete und rohe Menschen sich zu ergötzen vermöchten. Im Bogen wich er allem aus, was seine eigene Neugier hätte reizen können oder gar ihn selbst in Versuchung bringen, sich einen guten Tag zu machen. Einmal in einem Jahr, nein – einmal in vielen Jahren. Er wollte nicht! wollte nicht ein paar Gulden unnötig ausgeben, die ins Sparkassenbuch des Kindes gelegt werden könnten.

Als sie nach Hause kamen, erwartete sie ein gutes, kräftiges Abendessen.

„Weil heute Sonntag ist,“ entschuldigte sich Agnes, da Pfanner ihr neuerdings Verschwendung vorwarf.