Erlöst von allen Gebresten, befreit von der Hilflosigkeit des Alters, wie majestätisch erschien sie nun, in ihrer unendlichen Ruhe, in ihrem untrübbaren Frieden! Das Lächeln auf dem Angesicht so vieler, die überwunden haben, umschwebte diese Lippen nicht. Steinerne Kälte sprach aus den Zügen, die ein Schimmer der begeisterten Liebe und Bewunderung, welche die Gegenwart des Enkels stets auf ihnen hervorgezaubert, noch in der Sterbestunde erhellt hatte.

Du bist es nicht mehr! dachte Nathanael, und mit grauser Gewalt ergriff ihn das Bewußtsein des erlittenen Verlustes.

Er winkte Joseph hinweg, er wollte ungestört bei seiner Toten bleiben. Am Fußende des Sarges stehend, suchte er in dem fremden, veränderten Antlitz der Großmutter das lang bekannte, teure und – fand es nicht. Das einzige ideale Gut, das er besessen hatte, die Zuneigung dieser alten Frau, war für immer dahin und er, als ein bejahrter Mann – allein. Mit jähem Schreck fiel es ihn an: Zwischen dieser Greisin und dir liegt eine Generation. Du solltest jetzt hingehen können und an der Brust deines Weibes um sie weinen, und dir Trost schöpfen aus dem Anblick deiner Kinder.

Der rastlos Strebende, der nie zurück, der nur vorwärts geschaut hatte, nach Zielen, die mit seinen Erfolgen wuchsen, hielt einmal still in seinem Laufe, wandte sich und durchmaß im Geiste seinen ganzen Lebensweg. Viel erreicht! durfte er sich gestehen, doch niemals das geringste ohne einen Gedanken an dich – Großmutter. So freudig ihr Dasein ihn erfüllt und beglückt hatte, so schmerzlich klaffte jetzt der Riß, den ihr Scheiden verursachte.

Sie hätte ihn nicht verlassen sollen, sie, deren Nähe ihn über das Schwinden der Zeit – eines Begriffes, der dem hohen Alter verloren geht, getäuscht hatte.

„Weiche ab von dem Brauche unsres Volkes,“ hatte die Greisin oft gesprochen. „Heirate nicht zu früh, setze nicht Bettler in die Welt. Du kannst warten, mein Kind, du bist jung.“

Immer hatte er zu dieser Ermahnung geschwiegen; heute antwortete er ihr, die ihn nicht mehr hören konnte:

„Ich war dir so lange zu jung zum Freien, bis ich mir zu alt dazu geworden bin.“

Alsbald jedoch empfand er den Widerspruch, den er ihr ins Grab nachgerufen, als einen Frevel. Er trat zu ihr, beugte sich über sie, und, was nie geschehen war, so lange sie gelebt hatte, er küßte ihre Hand, küßte ihre Stirn und den für ewig verstummten Mund, den einzigen auf Erden, von dem er sich „mein Kind“ hatte nennen gehört.

II.