Sein Patient aber erhielt noch am selben Tage die Weisung:
„Steh auf und geh.“
„Wohin? Gnädiger Herr Doktor, wohin? Wer nimmt mich ohne meinen Bruder?“ antwortete der Knabe verzweifelnd, und nun trat die Frage heran: Was mit ihm beginnen?
Die Papiere, die der Verstorbene bei sich gehabt hatte, wiesen ihn aus als den Maschinenschlosser Julian Mierski, der viele Jahre hindurch als Werkführer in einer Fabrik in Lemberg gedient hatte. In seinem Zeugnisse hieß es, der vorzügliche Arbeiter habe, zum Bedauern seines Dienstherrn, infolge schwerer Erkrankung entlassen werden müssen. Seitdem konnte er nichts mehr verdienen, sein Bruder aber, den er nach dem Tode der Eltern – arme Häusler in einem Dorfe bei Lemberg – zu sich genommen, nur gar wenig. So gingen, erzählte der Knabe, in Monaten die Ersparnisse von Jahren hin und wurden aufgezehrt bis auf einige Gulden, deren Anzahl er genau angab, und die sich auch richtig im Ranzen des Verunglückten vorgefunden hatten.
Die Großmutter hörte dem unter Tränen erstatteten Berichte aufmerksam zu.
„Horch, Nathanael, mein Kind,“ sagte sie. „Es ist nicht recht gewesen von dem Goj in Lemberg, zu verlassen den Mann in seiner Krankheit, der ihm in Gesundheit gedient hat viele Jahre.“
„Eine Fabrik ist keine Versorgungsanstalt,“ erwiderte Rosenzweig und befahl seinem Geretteten: „Sprich weiter.“
Dieser fuhr fort:
„Vor acht Tagen ist ein Bekannter von meinem Bruder gekommen und hat erzählt, daß es in Krakau eine Fabrik gibt, wie die unsre, und daß sie uns dort gewiß nehmen werden. Mein Bruder war sehr froh: ‚Komm, Joseph, wir wandern‘, hat er gesagt und hat auf der Reise immer gemeint, der lange Müßiggang ist es gewesen, der ihn nicht hat gesund werden lassen, beim Marschieren wird ihm besser. Auf einmal hat er aber nicht weiter gekonnt und hat sich in den Schnee gelegt, um ein wenig zu schlafen.“
„Und du hast das zugegeben?“ schrie der Doktor ihn an. „Weißt du nicht, was einem geschieht, wenn man sich bei solchem Frost in den Schnee legt?“