»In Wien hat sie gelebt. Freilich seit Jahren wie angeschnallt ans Bett der kranken Mutter.«
Sie waren sehr langsam, denn Bertram blieb alle Augenblicke stehen, die sehr hübsche, freitragende Treppe hinaufgegangen. Weißenberg machte seinen Gast auf die Wände und die hochgewölbte Decke des Treppenhauses aufmerksam: »Sauber, nicht wahr? Ich habe einen Italiener da gehabt, der die Stuckaturen aus dem Mörtel herausgearbeitet hat, unter dem sie durch oftmaliges Übertünchen schon halb verschwunden waren.«
Bertram bewunderte. »Reizend,« rief er begeistert, »das ist Reichthum ohne Üppigkeit, edle Keuschheit, anmuthige Fülle, Sehnsucht und Fähigkeit
sich aus steifen, veralteten Formen zu befreien, ohne Ausartung ins Maßlose. Ich sage dir,« brach er plötzlich aus, »deine Nichte ist eine Dame im österreichischen Barockstil!«
Der Baron legte die Hand auf Bertrams Schulter und sprach warnend: »Du, daß du dich nicht verliebst! Es wäre die größte Dummheit, du brauchst Geld, der Ökonom braucht immer Geld, und unsere Nichte – die reine Kirchenmaus. Da sind wir,« unterbrach er sich, und sie blieben abermals stehen vor einer Flügelthür am Ende des bildergeschmückten, teppichbelegten Ganges, den sie durchschritten hatten. »Ich geh’, sonst verplaudern wir uns, und wie gesagt, die Köchin wartet, um anzurichten, nur aufs Glockenzeichen. Nochmals willkommen, und laß dir’s bei uns wohl sein!«
Er enteilte geschäftig, und Bertram sah ihm nach. War auch nicht mehr der selbe, der liebe, alte Mensch! Er schien kleiner, sein Hals kürzer geworden, seine Haltung hatte etwas von der früheren Strammheit verloren. So kann man denn auch vorzeitig altern auf dem Lande, in dieser ozonreichen
Luft, in herrlichem Frieden, in nervenstärkender Thätigkeit?
Simon hatte die Thür geöffnet, ermahnte den Gast einzutreten und weidete sich still und stolz an seinem Staunen über die schönen Räume, die ihn umfingen. Ein Salon in dunkelgrünem Sammet, ein luftiges, behaglich eingerichtetes Schlafzimmer mit Himmelbett und nebenan eine köstliche Badestube.
»Bitte, jetzt kommt das Scheenste,« sagte Simon und schwebte auf den Zehen über die ganze Breite des Schlafzimmers. Dem Himmelbett gegenüber befand sich der Eingang zu einem vierten von einer schweren Portière verhüllten Gelaß. Der Diener zog sie zurück, und Bertram blickte in ein großes Arbeitszimmer, in dem ein kolossaler Schreibtisch stand, und das voll war von Bücherschränken, und jeder hatte ein anderes böses Gesicht, das ihn angrinste und triumphirend höhnte: Guck du, wir sind wieder da!
Er prallte zurück: »Vorhang zu! Ich bitte Sie um Gotteswillen, Simon, befreien Sie mich von diesem Anblick.«