als am Nachmittage war sie doch. Es kam sogar einmal vor, daß sie Bertram, der eben sehr lebhaft sprach, ansah, sie ihn – o des lieblichen Wunders! – ganz kurz, aber recht aufmerksam. Und er studirte – o des wonnigen Studiums! – jeden Zug ihres holden Gesichtes, jedes kaum merkliche Stirnrunzeln, jedes Lächeln, das um ihren jungen, klugen, ausdrucksvollen Mund erschimmerte. Es zeigte sich in dem Augenblick, in dem sie ihn ansah und verrieth eine angenehme Überraschung: Schau, schau, du bist nicht so arg, wie ich mir eingebildet hatte, sprach’s ganz deutlich für den, der sich auf solche Sprache versteht.
IX.
Mit dem Schlage zehn Uhr wünschte Hugo den Seinen eine gute Nacht und forderte den Freund auf, auch zu Bette zu gehen: »Morgen in aller Gottesfrüh reiten wir. Nimm dir Zeit, auszuschlafen.«
Bertram stand rasch auf. Sich Zeit nehmen können, ausschlafen können – das war ihm all die
Tage als Inbegriff der Seligkeit erschienen. Er empfahl sich und folgte dem Hausherrn nach, der ihn an der Thür erwartete. Sie traten in den hell erleuchteten Gang hinaus:
»Du gehst rechts, ich gehe links,« sagte Weißenberg. »Begleite dich nicht, will dir gestehen, ich dusele schon. Morgen also pünktlich ... Aber,« unterbrach er sich, »was hast du denn? Bist roth geworden wie mein Sieglinderl.«
»Gute Nacht, du Guter,« erwiderte Bertram, und der Freiherr gab sich mit der Antwort zufrieden und segelte schlaftrunken seinen Gemächern zu.
Was hast du? hatte er den armen Bertram gefragt. Daß er sich reif fühlte, aus dem Hause geworfen zu werden, oder sich selbst hinauswerfen zu müssen, das hatte er. Als er eben auf die Baronin zugegangen, um ihr die Hand zu küssen, war sie aufgestanden, ihm entgegengeschritten und hatte ihm zugeraunt:
»Ich muß Sie sprechen, Sie wissen.«
Und sie war dabei unaussprechlich bewegt gewesen. Wie durfte sie sich erlauben, bewegt zu sein? Donner und Doria! war’s nicht genug, daß