Zu jeder anderen Zeit würde er hingegangen sein und die jungen Leute gefragt haben, was sie zu gaffen und zu kichern hätten? Ob die Beobachtung
der Passanten oder das Verfertigen von Schuhen ihre Pflicht und ihr Geschäft sei? Jetzt aber ließ er die Tröpfe ungehindert in dem Pfuhl ihrer Nichtsnutzigkeit versinken und blieb auf seinem Posten, bis die Uhr des nächsten Kirchthurms Elf schlug und der letzte Schein von Hoffnung, der noch in ihm glimmte, erlosch.
Und gerade in dem Augenblick, in dem er jede Hoffnung aufgegeben hatte, wurde sie erfüllt. Er war noch einige Schritte hinauf bis an das Thor von Nummer 21 gegangen, da war ihm, als ob er zurückgezogen würde an unsichtbaren, aber starken Fäden. Etwas Geheimnißvolles, nie Empfundenes zwang, ja zwang ihn, sich umzuwenden.
Da trat sie aus dem Hause. Er erkannte sie sogleich. Wie zögernd blieb sie ein paar Sekunden vor dem kleinen Wasserreservoir stehen, das sich zwischen der Schwelle und dem Trottoir gebildet hatte, sah zum trostlos grauen Himmel hinauf, öffnete rasch ihren Schirm, hob sich auf die Fußspitzen und schritt eilig und entschlossen des Weges.
Brand folgte ihr anfangs aus einiger Entfernung, dann wagte er sich näher heran, ging auf
die andere Seite der Gasse, ging ihr vor, sah ihr ins Gesicht. Sie trug einen kleinen, schwarzen Schleier, hielt die Augen aufmerksam auf das Pflaster gerichtet und suchte die Steine aus, auf welche sie ihre schlanken, schmalen Füße setzte. Sie hatte ihren leichten und entschlossenen Gang, die anmuthig aufrechte Haltung behalten, die ihm so deutlich in der Erinnerung geblieben waren. Sie sah wie ein junges Mädchen aus, und fein und elegant in ihren alten Kleidern. O wie alt, wie abgetragen!
Brand verlangsamte seine Schritte und ging wieder hinter ihr her; und als ein Lümmel, der ihr entgegen kam, sie beinahe vom Trottoir gestoßen hätte, schob er ihn zur Seite mit solchem Nachdruck und so aggressiver Miene, daß der Mensch ein »Pardon« stammelte und sich davon machte.
Sie waren am Ziele. Frau von Müller lief mehr als sie ging ins Haus, und Brand dachte daran, heim zu gehen. Aber er that es nicht, er brachte sich nicht fort. Er hatte ja die Möglichkeit, sie noch einmal zu sehen, ihr noch einmal zu folgen, sie vielleicht noch einmal in Schutz zu nehmen
vor irgend einem Lümmel und sich dann ein Wort des Dankes von ihr zu verdienen .... Daß sie doch in eine große Gefahr gerathen möchte, daß er ihr Leben um den Preis seines eigenen retten und ihr sterbend sagen könnte: »Frau von Müller, jetzt sind wir quitt!«
Sie war nicht die breite Treppe zum ersten Stockwerk hinaufgestiegen, die links in die Salons führte, sondern die Seitentreppe rechts, über die man zur Privatwohnung Madame Amélies gelangte. Brand hatte sich in den Hof zurückgezogen und beobachtete von dort aus, was unter dem Thorwege vorging. Nach kaum zehn Minuten kam Sophie die kleine Treppe wieder herab. Ihre Wangen waren leicht geröthet, ein heller Ausdruck von Freude verklärte ihr Gesicht. Die angenehme Überraschung, die Brand ihr zugedacht, war gelungen; Madame Amélie hatte ihre Sache gut gemacht.