»Meine drückendste Sorge,« erwiderte sie rasch, »ist jetzt die um Georg. Was soll aus ihm werden? Er ist zu schwächlich, um die Schule regelmäßig besuchen zu können; seine wohlwollendsten Lehrer rathen mir, ihn zu Hause unterrichten zu lassen. Ich habe das bisher selbst besorgt, und er hat es mir leicht gemacht. Aber wie lange werden meine Kenntnisse ausreichen, um einen Knaben zu unterrichten? Und den Umgang mit anderen Kindern völlig entbehren müssen – wie nachtheilig ist das für ihn, er wird immer mehr in sich gekehrt und weltfremd.«

»Gnädige Frau,« sprach Brand nach kurzem

Besinnen, »Sie werden sich vielleicht noch erinnern, daß Erziehen von jeher mein Beruf war. Ich habe ihn nicht aufgegeben, ich übe ihn wieder aus in etwas veränderter Form. Ich habe mich der Kindererziehung gewidmet und finde darin eine hohe Befriedigung. Ich erlaubte mir, Sie um Ihr Vertrauen zu bitten ...«

»Lieber Herr Rittmeister, Sie bitten um etwas, das Sie haben.«

»Dann, gnädige Frau, überlassen Sie mir die Erziehung Ihres Sohnes,« sagte Brand resolut, und dabei war seine Miene so ernst, so inständig bittend, und aus seiner Stimme klang ein so warmer Herzenston, daß Sophie trotz der peinlichen Überraschung, in die sein unerwartetes Anerbieten sie versetzte, nur Dankbarkeit empfand.

»Ich werde Ihr braves Kind zu einem braven Mann heranbilden,« fuhr Brand fort. »Übergeben Sie ihn mir; er ist in dem Alter, in dem ein Junge nicht mehr ausschließlich unter weiblicher Zucht stehen soll.«

»Unmöglich, unmöglich,« sagte Sophie. »Ein Kind in Ihrem Hause, bei Ihrer Ordnungsliebe!«

Sie hielt inne, der schmerzliche Ausdruck, den seine Züge angenommen hatten, that ihr weh.

Er glaubte einen Anflug von Ironie in ihren Worten zu entdecken. Seine Ordnungsliebe war es ja im Grunde gewesen, die den Sieg davon getragen hatte über seine Liebe zu ihr: wollte sie ihn daran mahnen?

»Ich dränge Sie nicht zur Entscheidung,« begann er von Neuem, »ich bitte nur, erwägen Sie meinen Vorschlag, erweisen Sie mir diese Gnade.« Wieder blickte er sie lange und gerührt an, seufzte tief und sagte plötzlich: »Ja, ja, ich bin einst ganz dicht am Glück vorbeigegangen.«