Ich war froh, es ihn sagen zu hören; ich fühlte mich um ein gut Teil leichter. Der Herzog ließ ihn los und rief:

»Wenn du es je wieder leugnest, ersäuf' ich dich. – Ja sitz' nur hin und plärre wie ein Kind, das paßt ganz zu einem Kerl, der so handelt wie du. Meiner Lebtage habe ich keinen solch alten Gauner gesehen, der alles verschlingt, wenn's darauf ankommt, und ich verließ mich auf dich, als sei'st du mein eigener Vater. Du solltest dich schämen, dabei zu stehen und es auf die armen Neger kommen zu lassen, ohne ein Wort zu ihren Gunsten zu sagen. Es ärgert mich noch, daß ich so dumm war, es zu glauben. Verdammt, jetzt verstehe ich, warum du das Defizit gut machen wolltest – du hast das Geld, das beim ›Non plus ultra‹ verdient war, und alles andere allein einsacken wollen.«

Der König sagte ängstlich und halb röchelnd:

»Nein, Herzog, du wolltest ja das Defizit decken, nicht ich.«

»Ruhe! Ich will davon nichts mehr hören,« rief der Herzog. »Du siehst nun die Folgen. Sie haben all ihr eigen Geld zurück und all unseres dazu, bis auf einige Silberstücke. Mach', daß du zu Bette kommst, und schaffe mir keine Defizits mehr, so lange du lebst.«

Der König kroch unters Zelt und suchte Trost bei seiner Flasche; bald that der Herzog ein Gleiches. In einer halben Stunde waren sie wieder die dicksten Freunde, und je trunkener sie wurden, desto mehr liebkosten sie sich, und bald schnarchten sie in gegenseitiger Umarmung. Sie waren riesig angeheitert, aber wie ich bemerkte, hütete sich der König wohl, darauf zurückzukommen, daß er das Gold nicht versteckt habe. Das war für mich eine wahre Erleichterung. Als die beiden schnarchten, erzählte ich natürlich Jim alles.

Wir trieben mehrere Tage stromab, ohne irgendwo anzuhalten, bis wir so weit südlich waren, wo das lange spanische Moos von den Bäumen hängt, als ob sie lange graue Bärte hätten. Dann hielten wir wieder hier und da an. Die beiden versuchten ihr Glück mit Predigen, Wahrsagen, Mesmerismus, kurz mit allerlei, aber nichts wollte recht glücken. Sie wurden sehr mürrisch und wir konnten ihnen nichts recht machen. Sie steckten viel bei einander und hatten manches zu flüstern, so daß Jim und ich anfingen zu fürchten, daß irgend eine Teufelei ausgebrütet würde. Bald legten wir nicht weit von einem Städtchen an. Der König sagte, er wolle hingehen und sehen, ob Gelegenheit fürs ›Non plus ultra‹ wäre, und wenn er bis Mittag nicht zurück sei, sollten der Herzog und ich nachkommen, und Jim sollte, wie gewöhnlich, das Floß hüten. Zu Mittag kam er nicht zurück. Der Herzog und ich gingen also zum Städtchen und fanden den König betrunken in einer Kneipe. Er und der Herzog fingen an sich zu streiten; da dachte ich, meine Gelegenheit sei gekommen und rannte nach dem Floß zurück, rief Jim, erhielt aber keine Antwort. Ich rief zwei- – dreimal, bekam aber keine Antwort. Da ging ich ein Stück Weges ins Land und begegnete einem Jungen, den ich fragte, ob er einen Neger gesehen, und beschrieb ihm Jim. »Ja, den haben die Leute vor einer halben Stunde nach der Sägmühle des alten Silas Phelps geschleppt,« sagte der Junge. Ich erfuhr auch von ihm, daß ein kahlköpfiger alter Kerl auf eine Belohnung von 200 Dollars hin ihn gefangen und sein Anrecht darauf einem Farmer für 40 Dollars abgetreten habe. Der Anschlagzettel habe den Neger genau beschrieben, alles stimmte und er sei auf dem Floß gefangen worden.

Jetzt ging mir ein Licht auf. Der König hatte Jim für 40 Dollars verschachert, während er allein in der Stadt war, und als der Herzog und ich den König am Nachmittag aufsuchten, war Jim unterdessen weggeführt worden. – Mir stand das Herz fast still. Dieser verräterische Schurkenstreich setzte der Handlungsweise der Majestät vollends die Krone auf. Ich dachte einen Augenblick daran, umzukehren und dem Schurken die Meinung zu sagen. Allein, dieser und der Herzog hätten nur neue Schurkereien gegen mich ausgebrütet und Jim wäre dadurch nicht geholfen gewesen. Armer, alter Jim, wie mochte ihm zu Mute sein! Nein, ich wollte die Kerle gar nicht wiedersehen, da brauchte ich der Vorsehung nicht ins Handwerk zu pfuschen, diese Kerle würde ihr Schicksal ohne mich ereilen, früher oder später, das wußte ich gewiß. Und darin hab' ich recht gehabt, das will ich nur gleich jetzt erzählen, damit ich gar nicht noch einmal an die Lumpenbrut zu denken brauche. Ein paar Tage später, als ich mit Tom … ja so, da verplappre ich mich, das gehört ja hier noch gar nicht hin! – Also, kurz und gut: ein paar Tage später brachten Schiffsleute aus einem weiter stromab gelegenen Städtchen die Nachricht, es seien dort ein paar Gauner geteert, gefedert und von einer großen Volksmenge begleitet durch die Straßen gehetzt worden. Die Beschreibung, die man von ihnen machte, paßte genau auf meine hohen Herrschaften von früher. Sie hatten das ›Non plus ultra‹ einmal zu viel aufgeführt. Diesen Lohn hatten sie redlich verdient. Warum hatten sie den armen Jim verraten, der ihnen nie was zuleide gethan? Später hab' ich nichts mehr von ihnen gehört und gesehen und hoffe sehr, daß es auch nie mehr der Fall sein wird!