Drüben an der Missouri-Seite gab's Berge, hier bei uns nur dichte Waldungen, auch war drüben die fahrbarere Strecke des Stroms, so daß es für uns keine Gefahr gab, entdeckt zu werden. So lagen wir denn den Tag über still und sahen den Fahrzeugen drüben zu, wie sie auf- und abwärts glitten, den Booten, den Flößen und den Dampfern, die in der Mitte des Stroms daher keuchten und schnaubten. Ich erzählte Jim mein Abenteuer von gestern mit der Frau in der Hütte, die sich durch meinen Rock und Hut nicht hatte täuschen lassen, und er meinte, die sei schlau gewesen, die hätte uns wohl schwerlich so leicht entwischen lassen, wie's die Männer gethan. Die hätte sich nicht schläfrig hingelegt und ein einsames Lagerfeuer bewacht, statt drauf los zu suchen, die wäre gar nicht ohne Hund ausgerückt und hätte überhaupt die Sache viel schlauer angefaßt. Warum sie dann wohl den Männern nicht geraten habe, einen Hund mitzunehmen, warf ich ein. Das habe sie wahrscheinlich zuletzt noch gethan, meinte Jim, deshalb hätten sich auch gewiß die alten Schlafhauben von Männern verspätet und all die kostbare Zeit verloren und wir säßen hier auf dem Floß im Weidengestrüpp, statt da drüben hinter Schloß und Riegel im Städtchen, ›ja warraftig!‹ Mir war's nun ganz und gar einerlei, was die Ursache sei, daß wir hier waren statt dort, solange wir nur wirklich frei blieben und sie uns nicht wegfingen.
Als es anfing dunkel zu werden, streckten wir unsre Köpfe vorsichtig aus dem Weidengestrüpp vor und sahen uns um. Vorn, hinten, hüben, drüben – alles sauber, nichts zu sehen! Jim nahm nun ein paar von den obersten Planken des Floßes und stellte eine Art Hütte her, um uns und unsre Habseligkeiten gegen das Wetter zu schützen; die Hütte erhielt einen Bretterboden, ungefähr einen Fuß höher als die Oberfläche des Floßes, so daß unsere Decken und anderen Sachen aus dem Bereich der Wellen der Dampfboote waren. Gerade in der Mitte der Hütte machten wir dann von Lehm eine Art Herd, worauf wir unser Feuer anzünden konnten, ohne daß dasselbe von außen viel gesehen werden würde. Dann verfertigten wir noch ein zweites Steuerruder, um nicht in Not zu geraten, im Fall das eine zerbrochen werde. Ein gabeliger Baumast diente uns als Laternenpfosten, denn es war nötig, Licht zu haben, um nicht von irgend einem Dampfboot in den Grund gebohrt zu werden.
In der zweiten Nacht ließen wir uns ungefähr sieben bis acht Stunden von einer ziemlich reißenden Strömung dahin tragen. Wir fingen Fische und plauderten, schwammen auch mal neben her, um den Schlaf fernzuhalten. Es war uns ordentlich feierlich zu Mute, so auf dem großen, stillen Strom hinzugleiten in der lautlosen Nacht. Wir legten uns dann auf den Rücken und schauten nach den Sternen, und es kam uns gar nicht in den Sinn, laut zu sprechen, oder gar zu lachen, höchstens hie und da mal ganz leise. Wir hatten fabelhaft gutes Wetter und nichts passierte uns, weder in dieser Nacht, noch in der nächsten und übernächsten.
Jede Nacht kamen wir an Städten vorüber, die oft weit drüben an den schwarzen Abhängen gelegen waren; kein Haus war zu erkennen, nichts als Nester voll schimmernder Lichter. In der fünften Nacht kamen wir an St. Louis vorüber und das leuchtete und funkelte, als habe man die ganze Welt in Brand gesteckt. Bei uns zu Haus in Petersburg hatten sie immer gesagt, wie furchtbar groß St. Louis sei und wie da zwanzig oder dreißigtausend Menschen alle auf einem Fleck zusammen lebten. Ich hatt's nie geglaubt. Als ich aber den Bündel Lichter dort sah, in der Nacht um zwei Uhr, wo sonst alles gesund und fest schläft, da wurde mir begreiflich, daß es wahr sein müsse und daß die Leute nicht geflunkert hatten.
Jeden Abend begab ich mich nun ans Ufer in irgend ein kleines Dorf, meist so gegen zehn Uhr, und kaufte ein, was wir gerade brauchten, Speck oder Mehl oder Tabak, wie's kam. Manchmal verhalf ich auch einem Huhn, das nicht recht ruhen wollte, zu einer bequemeren Lage in meinen Armen. Mein Alter sagte immer: wenn du irgendwo ein Huhn kriegen kannst, nimm's mit, unter allen Umständen. Brauchst du's nicht, braucht's ein anderer, und eine gute That lohnt sich jedesmal. Der Alte zwar brauchte das Huhn immer selbst, unter allen Umständen, allein dies änderte nichts an seinem Wahlspruch.
Morgens, eh' der Tag kam, schlüpfte ich dann in die Felder und pumpte mir irgend eine Melone oder einen Kürbis oder andere Früchte, die mir gerade in den Weg kamen. ›Pumpen‹ sei nichts Schlimmes, hatte mein Alter immer gesagt, wenn man nur die Absicht habe, es einmal heimzugeben, die Witwe aber meinte, das sei nur ein schönerer Ausdruck für Stehlen und kein ordentlicher Mensch thäte dergleichen. Jim, den ich frug, sagte, die Witwe habe recht, der Alte aber auch, und wenn wir zwei oder drei Sachen von unserer ›Pumpliste‹ strichen, z. B. schlechte Wassermelonen oder saure Aepfel, und uns fest vornehmen würden, diese künftig liegen zu lassen, dann sei's wohl jedem recht gemacht und wir könnten das übrige leichten Herzens lustig weiter nehmen. Vorher war's uns nicht ganz wohl bei der Sache gewesen, aber nun wir diesen Ausweg gefunden hatten, wurde es uns wieder ganz behaglich, – Wassermelonen und saure Aepfel ließen sich ja leicht entbehren.
Ab und zu schossen wir ein vorwitziges Wasserhuhn, das sich des Morgens zu früh erhob oder des Abends zu spät legte, kurz, wir lebten ganz behaglich, glücklich und zufrieden und freuten uns unsres Daseins.
In der fünften Nacht, nachdem wir an St. Louis vorbei waren, kam ein furchtbares Gewitter mit Donner und Blitz und der Regen goß wie Bindfaden herunter. Wir verkrochen uns in unsre Hütte und ließen Floß Floß sein, das schwamm schon von selbst weiter. Beim Schein der Blitze konnten wir sehen, daß die Ufer felsig und steil waren und auch im Wasser zeigten sich Felsen. Auf einmal ruf' ich: »Hallo, Jim, sieh' mal dorthin!« Und was war's? Ein Dampfboot, das an einem der Felsen gestrandet war. Wir hielten gerade darauf los und konnten es ganz deutlich sehen beim Schein der Blitze. Ein Teil des Oberdecks ragte noch aus dem Wasser hervor und wenn gerade ein heller Blitz kam, konnte man alles was darauf war deutlich erkennen, sogar einen Stuhl, der nahe bei der großen Schiffsglocke stand, samt einem Hut, der an der Lehne hing.
Puh, mich überlief's! Es war so schauerlich da draußen in der Nacht bei dem Sturm und mir ging's wie's jedem Jungen in meinem Alter beim Anblick des einsamen, traurigen Wracks da mitten im Strom gegangen wäre, mir gruselte, und doch wollt' ich für mein Leben gern an Bord und ein wenig dort herumschnüffeln.
»Laß uns anlegen, Jim,« bat ich.