»Ueberlasse es mir, einen Plan auszudenken, der es uns möglich macht, auch bei Tageslicht zu fahren. Ich will mir die Sache überlegen und schon einen geeigneten Plan erfinden. Heute wollen wir jedoch das Städtchen dort drüben nicht am Tage passieren – es dürfte uns nicht gut bekommen.«
Gegen Abend wurde es früh dunkel und es sah nach Regen aus; das Wetterleuchten zuckte ringsum, die Blätter begannen zu zittern – man konnte sehen, daß es eine schlimme Nacht geben würde. Der König und der Herzog durchstöberten unser kleines Zelt, um das Bettzeug zu untersuchen. Meins war ein Strohsack – besser als Jim seins, das nur ein mit Maishülsen gefüllter Sack war – und in solchen stecken oft Kolben, die einem in die Rippen drücken, und wenn man sich umdreht, rauscht das Zeug wie dürre Blätter und weckt einen auf. Nun, der Herzog meinte, er wolle mein Bett nehmen, doch der König meinte anders und sagte:
»Ich sollte meinen, daß der Unterschied in unserm Rang genügend wäre, dir begreiflich zu machen, daß der Maishülsensack nicht geeignet ist, mir als Bett zu dienen. Ihro Gnaden werden ihn für sich selbst nehmen.«
Jim und ich fürchteten jetzt Streit zwischen den beiden und waren recht froh, als der Herzog sagte:
»Es ist immer mein Schicksal gewesen, von dem eisernen Absatz der Bedrückung in den Grund getreten zu werden. Unglück hat meinen einst stolzen Sinn gebrochen; ich gebe nach, ich gehorche, es ist mein Schicksal. Ich stehe allein in der Welt – laßt mich leiden; ich kann's ertragen.«
Wir stießen ab, sobald es dunkel genug war. Der König gebot uns, die Mitte des Stromes zu gewinnen und kein Licht zu zeigen, bis wir das Städtchen weit hinter uns hätten. Bald sahen wir ein kleines Häufchen Lichter – das war das Städtchen – und glitten, eine halbe Meile davon, ganz gut vorbei. Als wir etwa eine Meile unterhalb waren, hißten wir unsere Signallaterne auf; und um etwa zehn Uhr ging's los: Regen, Wind, Donner, Blitz – hast du was kannst du! Der König gebot uns beiden, Wacht zu halten, bis das Wetter sich aufgeklärt hätte; er und der Herzog krochen ins Zelt und lagerten sich für die Nacht. Meine Wacht dauerte bis zwölf; doch ich hätte mich auch sonst nicht zur Ruhe gelegt, selbst wenn ich ein Bett gehabt hätte, denn solch ein Gewitter sieht man nicht jeden Tag, wahrhaftig nicht. Meiner Seel! wie der Wind dahinkreischte! Und alle Augenblicke kam ein Lichtstrahl, der den weißen Wellenschaum auf eine halbe Meile ringsum erglänzen ließ. Dann sahen die Inseln wie staubig durch den Regen aus, und die Bäume hieben mit ihren Aesten wild um sich in den Wind; dann kam's Sch – Krach! – Bum – bum – bumblerumbumbum – und der Donner grollte und rollte und schwieg – dann fing dieselbe Geschichte wieder von vorn an und so weiter. Zuweilen spülten mich die Wellen fast vom Floß.
Endlich ließ der Sturm nach, und sobald ich das erste Licht am Lande erblickte, weckte ich Jim und wir steuerten nach einem guten Versteckplatz für den Tag.
Nach dem Frühstück holte der König ein altes dreckiges Spiel Karten hervor, und er und der Herzog spielten ›Sieben auf‹ zu fünf Cents das Spiel. Als sie dessen müde waren steckte der Herzog seinen Arm in seinen Reisesack, holte daraus eine Anzahl kleiner gedruckter Anschlagzettel und las laut vor. Auf einem stand: ›Der berühmte Dr. Armand de Montalban aus Paris wird einen Vortrag über Phrenologie halten in … am …‹ (Ort und Datum waren freigelassen) ›Eintritt 10 Cents; Untersuchungen pro Person 25 Cents.‹ Der Herzog sagte: »Das bin ich selbst.« In einem andern Zettel war er ›der weltberühmte Shakespeare-Tragöde Garrick der Jüngere vom Drury-Lane-Theater, London.‹ In andern Zetteln hatte er eine Menge anderer Namen und that andere Wunderdinge, wie z. B. Wasser und Gold mit der Wünschelrute finden, Behexungen besprechen und dergleichen mehr. Nach einer Weile sagte er: »Aber die histrionische Muse ist meine Wonne. Hast du je die Bretter betreten, Majestät?«
»Nein,« sprach der König.
»Dann, o gefallene Größe, sollst du es thun, eh' du drei Tage älter bist,« rief der Herzog. »In dem ersten besten Städtchen, wo wir hinkommen, mieten wir eine Halle und produzieren das Schwertgefecht aus ›Richard III.‹ und die Balkonscene aus ›Romeo und Julie.‹ Was sagst du dazu?«