In etwa einer halben Stunde kamen wir schweißtriefend dort an, es war ein schrecklich heißer Tag. Es mochten etwa tausend Menschen aus einem Umkreise von zwanzig Meilen beisammen sein. Der Wald war voller Wagen und Gespanne; die Pferde waren überall angebunden, fraßen aus den Wagentrögen und stampften mit den Hufen, um die Fliegen abzuwehren. Dazwischen hatte man Zelte aufgeschlagen, aus Stangen mit Zweigen bedeckt, unter denen Limonade und Pfefferkuchen, Haufen von Wassermelonen, junger Mais und dergleichen zum Verkauf waren.
Unter ähnlichen Zelten fand auch das Predigen statt,[6] nur waren sie größer und faßten viele Menschen. Die Prediger standen auf hohen Brettergerüsten an einem Ende des Zeltes. Die Frauen hatten Hauben auf und waren in selbstgesponnene Zeuge gekleidet, einige in Gingham, die Jugend in Kaliko. Mehrere der Jünglinge waren barfuß, und von den Kindern trugen viele nichts als ein gewöhnliches Hemd. Die alten Frauen strickten und das junge Volk machte einander den Hof.
[6] Mark Twain beschreibt hier ein sog. ›campmeeting‹, wie diese im Freien abgehaltenen Bußfeiern genannt werden.
Im ersten Zelt, das wir besuchten, las der Prediger einen Choral vor. Er las immer zwei Zeilen, und dann stimmte die Versammlung an und sang sie. Jeder sang mit, und es tönte ordentlich ergreifend. Das Volk wurde immer wärmer und wärmer und sang lauter und lauter – gegen Ende des Liedes schluchzten einige, andere jauchzten. Dann begann der Prediger seine Predigt, und was für eine; er wandelte von einem Ende des Gerüsts zum andern, beugte sich weit vornüber – Körper und Arme waren in steter Bewegung – und brüllte die Worte mit aller Gewalt heraus. Von Zeit zu Zeit hielt er die geöffnete Bibel hoch empor und schwenkte mit derselben hin und her, wobei er ausrief: ›Das ist die eherne Schlange in der Wüste! Schauet her und lebet!‹ Und das Volk rief: ›Hosiannah – A–a–men!‹ In dieser Weise ging es fort, unter unaufhörlichem Geplärre der Menge. Zum Schluß forderte er die Anwesenden auf, sich auf die Bank der Bußfertigen zu begeben.
›Ihr reumütigen Kinder, tretet heraus und setzt euch auf die Bank der Bußfertigen. (Amen!) Kommet ihr Mühseligen und Beladenen, (Amen!) kommet ihr Armen und Bedürftigen, in Schmach und Leid Verzehrten; (A–a–men!) kommet, die ihr gebrochenen Herzens, die ihr verzagten Geistes seid! Kommet, die ihr in Sünde und Schmutz gewandelt seid; das reinigende Wasser quillt für euch, die Thür zum Himmel steht euch offen, – o, tretet ein und seid selig!‹ (A–a–men! Hosiannah, Hosiannah, Hallelujah!)
In diesem Tone ging's weiter. Allenthalben erhoben sich nun Leute aus der Menge und drängten sich mit aller Gewalt hindurch bis zu der Bank der Bußfertigen, während ihnen die Thränen über die Backen liefen. Nachdem alle Büßer hier versammelt waren, sangen und jubilierten sie, daß ihnen schier der Atem ausging; manche gebärdeten sich ganz wahnsinnig und warfen sich in wilder Verzückung auf den mit Stroh bedeckten Boden.
Auf einmal packte es auch den König und er sprang auf das Gerüst. Der Prediger bat ihn, zum Volke zu reden, und er that es mit einer gewaltigen Stimme. Er sagte ihnen, er sei ein Pirat, wäre seit dreißig Jahren einer gewesen, fern im indischen Ozean. Seine Mannschaft sei im Frühling bei einem Kampfe sehr zusammengeschmolzen und er sei heimgekommen, um Rekruten zu sammeln; doch – dem Himmel sei Dank! – letzte Nacht sei er beraubt und ohne einen Cent vom Dampfboot ans Land gesetzt worden; er freue sich aber darüber, etwas Besseres hätte ihm gar nicht widerfahren können, denn er sei dadurch zu einem anderen Menschen geworden, und zum erstenmal in seinem Leben fühle er sich glücklich. Arm wie er sei, wolle er sich jetzt zurück zum indischen Ozean durchschlagen und den Rest seines Lebens dazu verwenden, die Piraten auf den wahren Weg zu führen; er könne es besser als irgend ein anderer, da er mit allen Piratenmannschaften jenes Ozeans bekannt sei. Wohl würde er lange Zeit brauchen, ohne Geld dorthin zu kommen, aber hin komme er sicher, und jedesmal, wenn er einen Piraten bekehrt hätte, würde er ihm sagen: ›Mir danke nicht, mir gebührt die Ehre nicht; nein, wohl aber den guten Menschen der Pokville-Buß-Versammlung, den wahren Brüdern und Wohlthätern der Menschheit – und dem teuren Prediger dort, dem treuesten Freunde, den ein Pirat je hatte!‹
Hier brach der König in Thränen aus, und ebenso alle anderen. Dann rief einer: ›Sammelt für ihn!‹ Ein halbes Dutzend sprangen auf und schickten sich dazu an, aber jemand rief: ›Laßt ihn selbst den Hut herumreichen!‹ Alle riefen es nach, der Prediger auch.
So schritt der König durch die Massen, indem er den Hut herumreichte und sich die Augen wischte, das Volk segnend und preisend und ihm dankend, weil es mit den Piraten in der Ferne es so gut meinte; und sie luden ihn ein, eine Woche zu bleiben; jeder wollte sich's zur Ehre anrechnen, ihn in seinem Hause zu beherbergen. Doch er sagte, da dies der letzte Tag der Versammlung sei, hätte er hier nichts mehr zu thun und er habe Eile, zum indischen Ozean zurückzukehren, um schnell an seine Arbeit bei den Piraten zu gehen.