Es fiel mir indessen ein, ich wollte lieber erst gehen und die beiden fehlenden Personen abholen, denn es sei doch am besten alles systematisch und der Ordnung gemäß zu besorgen, und jedes Ding zu seiner Zeit. Dann fiel mir die Droschke ein, die mich da hinten vor dem Hotel mein schweres Geld kostete; ich rief daher eine andre Droschke an und sagte dem Mann, er solle seinen Kollegen nach dem Postamt kommen lassen, und da könnten sie warten, bis ich selber käme.

Es kostete mich einen langen heißen Marsch, bis ich zu den abzuholenden Leuten kam; und als ich ankam, sagten sie mir, sie könnten nicht mit, weil sie schwere Reisetaschen hätten und eine Droschke haben müßten. Ich ging weg, um eine zu suchen; bevor mir aber eine in die Quere kam, bemerkte ich, daß ich in der Nachbarschaft des Grand Quai war – oder wenigstens kam es mir so vor – mir däuchte daher, ich könnte Zeit sparen, indem ich schnell um die Ecke ginge und die Sache mit den Koffern in Ordnung brächte. Ich ging ungefähr eine Meile weit schnell um die Ecke und fand zwar nicht den Grand Quai, wohl aber einen Zigarrenladen. Da fielen mir denn die Zigarren ein. Ich sagte, ich reiste nach Bayreuth und wünschte soviele Zigarren, wie ich unterwegs brauchte. Der Mann fragte mich, welchen Weg ich führe. Ich antwortete, das wüßte ich nicht. Er sagte, er könnte mir empfehlen, über Zürich und verschiedene andre Orte, die er mir nannte, zu reisen, und bot mir sieben direkte Fahrkarten zweiter Klasse zu 110 Francs das Stück an; ich sparte dabei den Rabatt, den die Eisenbahnverwaltungen ihm gewährten. Ich hatte es bereits satt bekommen, mit Fahrkarten erster Klasse stets zweiter Klasse zu reisen; deshalb nahm ich ihm seine ab.

Mit der Zeit fand ich auch das Speditionsgeschäft von Natürlich & Cie.; ich sagte ihnen, sie sollten sieben von unsren Koffern nach dem Hotel schicken und dort in der Vorhalle aufstapeln. Es kam mir so vor, als ob ich nicht alles bestellte, was ich eigentlich sagen sollte; es war aber alles, was ich in meinem Kopf finden konnte.

Hierauf fand ich die Bank und bat um etwas Geld; aber ich hatte meinen Kreditbrief irgendwo liegen lassen und konnte daher nichts bekommen. Nun fiel mir ein, daß ich ihn jedenfalls auf dem Tisch hatte liegen lassen, an welchem ich das Telegramm geschrieben hatte. Ich nahm also eine Droschke, fuhr nach dem Postgebäude und ging nach dem ersten Stock hinauf. Sie sagten mir, der Kreditbrief sei wirklich auf dem Tisch liegen geblieben, er befinde sich aber jetzt in den Händen der Polizeibehörde, und ich müsse mich zu dieser hinbegeben und meine Eigentumsrechte nachweisen. Sie gaben mir einen Jungen mit, und wir gingen zu einer Hintertür hinaus und wanderten ein paar Meilen und gelangten zu dem Polizeigebäude. Dann fielen mir meine Droschken ein, und ich bat den Jungen, er möchte sie mir zuschicken, wenn er wieder nach dem Postamt zurückkäme.

Inzwischen war es Nacht geworden, und der Bürgermeister war zum Essen gegangen. Ich dachte, ich könnte ebenfalls zum Essen gehen, aber der diensthabende Beamte dachte anders darüber, und so blieb ich. Um halb elf sprach der Bürgermeister auf dem Bureau vor, sagte aber, es sei jetzt zu spät, um am Abend noch irgend etwas zu erledigen. »Kommen Sie morgen früh um halb zehn!« Der Beamte wünschte mich die ganze Nacht dazubehalten und sagte, ich wäre eine verdächtige Person; wahrscheinlich gehöre der Kreditbrief mir überhaupt nicht, und ich wüßte gar nicht mal, was ein Kreditbrief ist, sondern hätte nur gesehen, wie der wirkliche Eigentümer ihn auf dem Tisch hätte liegen lassen, und wollte ihn mir daher aneignen, weil ich wahrscheinlich ein Mensch wäre, der sich überhaupt alles aneignete, was er kriegen könnte, ob es Wert hätte oder nicht. Aber der Bürgermeister sagte, er sähe nichts Verdächtiges an mir, ich scheine ein harmloser Mensch zu sein, dem weiter nichts fehlte, als daß er das bißchen Verstand, das er überhaupt besäße, augenblicklich gerade nicht bei sich hätte. Ich dankte ihm für seine gute Meinung, er ließ mich frei, und ich fuhr in meinen drei Droschken nach Hause.

Da ich hundsmüde und nicht in der Verfassung war, auf Fragen genaue Antworten zu geben, so dachte ich, ich wollte die Expedition bei nachtschlafender Zeit nicht mehr stören. Ich wußte, es war am anderen Ende des Flurs ein leeres Zimmer vorhanden; aber ich kam nicht ganz bis dorthin, denn es war ein Wachtposten ausgestellt gewesen. Die Expedition hatte nämlich den dringenden Wunsch, mich zu sehen. Die Expedition saß steif und unnahbar auf vier Stühlen in einer Reihe, Tücher und Mäntel und alles andere angezogen, Reisetaschen und Reisehandbücher auf dem Schoß. So hatten sie vier volle Stunden schon gesessen, und während dieser ganzen Zeit war das Barometer fortwährend gefallen. Ja, und sie warteten – warteten auf mich. Mir schien, bloß ein plötzlich glücklich ausgedachter und glänzend ausgeführter tour de force könnte diese eiserne Schlachtlinie durchbrechen und eine Wendung zu meinen Gunsten herbeiführen. Ich trundelte daher meinen Hut in die Arena, folgte selber mit einem Hupf und Hops und rief munter:

»Haha! Siehstewohl, da kommt er schon!«

Nichts konnte eindrucksvoller oder stiller sein als der nun folgende gänzlich unhörbare Beifall. Aber ich blieb bei meiner Taktik, obgleich meine vorher bereits recht kümmerliche Zuversicht einen tödlichen Stoß bekommen hatte und tatsächlich bereits völlig geschwunden war.

Ich versuchte, trotz meinem schweren Herzen, den Lustigen zu spielen; ich versuchte die andren Herzen da vor mir zu rühren und den bitterbösen Groll in ihren Gesichtern zu besänftigen, indem ich fröhliche leichte Scherze hervorsprudelte und die ganze Trauergeschichte als einen humorvollen Vorfall darstellte; aber dieser Gedanke fand keine gute Aufnahme. Es war nicht die richtige Atmosphäre dafür. Ich erntete kein einziges Lächeln; keine Linie in diesen beleidigt aussehenden Gesichtern löste sich; den Winter, der mir aus diesen frostigen Augen entgegenblickte, vermochte ich nicht aufzutauen. Noch einmal machte ich krampfhaft einen schwachen Versuch, aber das Haupt der Expedition fiel mir – plumps! – ins Wort und fragte schneidend: »Wo bist du gewesen?«

Ich merkte an der Wahl der Worte und an ihrer Betonung, daß die Absicht obwaltete, sich auf einen kalten, geschäftlichen Standpunkt zu stellen. Ich begann also von meinen Fahrten zu erzählen, wurde aber wiederum schroff unterbrochen: