»›Ist es möglich, daß du solche Sachen forträumst ohne sie zu zählen?‹
»Mein Vater ließ ein prahlerisch wieherndes Lachen erschallen und sagte:
»›Gewiß und wahrhaftig, da kann ein Toter sehen, daß du niemals reich gewesen bist, wenn eine Lappalie von einem oder zwei Angelhaken in deinen Augen ein so mächtiges Ding ist!‹
»Kalula war verwirrt und senkte den Kopf; dann sagte er aber:
»›Ach, in der That, Herr, ich besaß niemals auch nur soviel, wie der Widerhaken an einer solchen kostbaren Angel wert ist, und ich habe niemals einen Mann gesehen, der so reich war, daß es sich verlohnt hätte, seinen Hort zu zählen, denn der Wohlhabendste, den ich bis jetzt gekannt, besaß nur drei.‹
»Mein thörichter Vater brüllte wieder in albernem Entzücken und mußte dadurch den Eindruck noch vertiefen, daß er nicht gewöhnt sei, seine Angelhaken zu zählen und scharf zu bewachen. Sehen Sie, das war Renommisterei. Ob er sie zählte? Ei ja, er zählte sie jeden Tag!
»Ich hatte meinen Liebling in der ersten Morgendämmerung getroffen und kennen gelernt; nach unserem Hause gebracht hatte ich ihn genau drei Stunden später, bei Einbruch der Nacht – denn die Tage waren kurz, da wir uns damals der sechsmonatlichen Nacht näherten. Viele Stunden dauerte unser festliches Gelage; endlich gingen die Gäste fort, und wir Zurückbleibenden verteilten uns die Wände entlang auf die Schlafbänke und bald waren alle in Träume versunken – außer mir. Ich war zu glücklich, zu erregt, um schlafen zu können. Nachdem ich lange, lange Zeit still dagelegen hatte, kam bei mir eine undeutliche Gestalt vorbei, die in dem Dunst am anderen Ende des Raumes verschwand. Ich konnte nicht unterscheiden wer es war und ob es ein Mann oder eine Frau sein mochte. Plötzlich kam dieselbe Figur oder eine andere in der entgegengesetzten Richtung an mir vorüber. Ich grübelte in mir darüber nach, was wohl dies alles bedeuten könnte; aber das Grübeln half mir nichts, und während ich noch grübelte, schlief ich ein.
»Ich weiß nicht wie lange ich schlief – aber plötzlich war ich hell wach und hörte meinen Vater mit schrecklicher Stimme rufen: ›Beim großen Schneegott! Es fehlt ein Angelhaken!‹ Eine innere Stimme sagte mir, dies bedeute Kummer und Sorge für mich – und das Blut in meinen Adern erstarrte vor Kälte. Mein Vorgefühl fand sich im selben Augenblick bestätigt; mein Vater schrie: ›Auf, ihr alle miteinander und packt mir den Fremden!‹ Dann ein Ausbruch von Geschrei und Flüchen auf allen Seiten und ein wildes Rennen schattenhafter Gestalten durch die Dunkelheit. Ich eilte meinem Geliebten zu Hilfe, aber was konnte ich anders thun als warten und die Hände ringen?
»Er war bereits durch einen lebenden Wall von mir getrennt, und man war dabei, ihm Hände und Füße zu binden. Erst als sie sich seiner versichert hatten, ließen sie mich zu ihm. Ich warf mich auf seine arme mißhandelte Gestalt und weinte meinen Schmerz an seiner Brust aus, während mein Vater und meine ganze Familie auf mich schalten und ihn mit Drohungen und schmählichen Schimpfworten überhäuften. Er ertrug diese schnöde Behandlung mit einer ruhigen Würde, die ihn mir teurer denn je machte und mich mit glücklichem Stolz erfüllte, daß ich mit ihm und für ihn leiden durfte. Ich hörte, wie mein Vater befahl, die Aeltesten des Stammes sollten zusammengerufen werden, um über Kalula auf Leben und Tod zu richten.
»›Was?!‹ rief ich. ›Bevor überhaupt nach dem verlorenen Haken gesucht worden ist?‹