Vielleicht eine halbe Stunde später wechselten wir die Pferde und speisten bei einem mormonischen ›Würgengel‹ zu Abend. ›Würgengel‹ sind, soviel ich verstand, ›Heilige des jüngsten Tages‹, die von der Kirche mit der besonderen Aufgabe betraut sind, beständig für das Verschwinden solcher Bürger zu sorgen, die sich überlästig gemacht haben. Ich hatte viel von diesen mormonischen Würgengeln und von ihren dunkeln, blutigen Thaten gehört, so daß ich beim Betreten dieses Hauses auf einen gehörigen Schauder gefaßt war. Aber, o weh! all unsere Romantik war sofort verflogen – wir trafen nichts, als einen lärmenden, gemeinen, schimpfenden Schurken! Mordgierig genug war er vielleicht wohl, um das Amt eines Würgers zu versehen, aber wer möchte sich wohl irgend eine Art von Engel ohne alle Würde und Hoheit vorstellen? Wer wollte sich einen Engel in unsauberem Hemd und ohne Hosenträger gefallen lassen? Und wer könnte einem Engel Ehrfurcht zollen, der wiehert, statt zu lachen, und aufschneidet wie ein Bukanier?
Noch mehr solcher Schufte waren da – Kameraden des ersteren; außerdem auch ein anständig aussehender, großer wohlgewachsener junger Mann von vielleicht dreißig Jahren. Eine Schar schlampiger Weiber trippelte eilig mit Kaffeekannen, Tellern voll Brot und sonstigem Zubehör zum Abendessen hin und her, und das sollten die Frauen des Engels sein, oder wenigstens einige derselben. Und natürlich war es so; denn wären sie gemietete ›Aushilfen‹ gewesen, sie hätten sich dieses über sie Hineinwettern und Fluchen von dem himmlischen Engel gewiß nicht gefallen lassen.
Dies war die erste Bekanntschaft, die wir mit der ›eigentümlichen Einrichtung‹ des Westens – wie der Mormonenstaat diplomatisch bezeichnet wird – machten, und dieselbe war nicht gerade einnehmender Art. Wir hielten uns mit deren Beobachtung auch nicht weiter auf, sondern eilten weiter, der Heimat der ›Heiligen des jüngsten Tages‹,[10] der Burg des Propheten, der Hauptstadt des einzigen absoluten Alleinherrschers in Amerika – der Großen Salzseestadt, zu. Da die Nacht hereinbrach, so nahmen wir Herberge im Salzseehotel und packten unsere Sachen aus.
[10] ›Heilige des jüngsten Tages‹ – ein Beiname der Mormonen.
Dreizehntes Kapitel.
Unser Abendessen war sehr schmackhaft und bestand aus ganz frischem Fleisch, Geflügel und Gemüse – in großer Mannigfaltigkeit und ebenso großer Fülle. Später spazierten wir ein wenig durch die Straßen und blickten in Läden und Magazine, und dabei konnten wir es nicht lassen, ein jedes Geschöpf, das uns wie ein Mormone vorkam, verstohlenerweise zu mustern. Das Land war für uns in jeder Richtung ein Märchenland voll von Zauberspuk, Kobolden und schauerlichen Geheimnissen. Wir waren so neugierig, daß wir gerne ein jedes Kind gefragt hätten, wie viele Mütter es habe und ob es sie alle einzeln kenne; und so oft wir im Vorübergehen durch eine zufällig geöffnete Hausthür etwas von menschlichen Köpfen, Rücken und Schultern zu erspähen vermochten, bebten wir förmlich vor Erregung – so sehr brannten wir darauf, eine Mormonenfamilie in ihrer ganzen umfassenden Reichhaltigkeit, geordnet nach den üblichen konzentrischen Ringen ihres häuslichen Kreises, einmal ordentlich und gründlich in Augenschein nehmen zu dürfen.
Bald darauf führte uns der Gouverneur des Territoriums bei andern ›Heiden‹ ein, mit denen wir eine gemütliche Stunde verbrachten. ›Heiden‹ sind nämlich alle Nicht-Mormonen. Unser Reisegefährte Bemis sorgte während dieser Abendstunden selbst für sich, hatte jedoch damit gerade keinen großartigen Erfolg; denn gegen elf Uhr erschien er auf unserem Zimmer im Gasthof in ungeheuer heiterer Stimmung, die sich in allerhand unzusammenhängenden, verrenkten und nicht zu einander passenden Reden äußerte, wobei er alle Augenblicke einmal ein Bruchstück von einem Wort herauswürgte, das mehr aus Schluchzern als aus Silben bestand. Dies zusammen mit dem Umstand, daß er seinen Rock am Fußboden neben einem Stuhle, seine Weste ebenfalls am Fußboden, nur auf der andern Seite aufhängte und seine Hosen nicht minder auf die Dielen vor eben jenem Stuhle hinlegte, um dann das Gesamtergebnis mit abergläubischer Scheu zu betrachten und schließlich mit den Worten: »das geht mir doch über den Verstand«, samt den Stiefeln ins Bett stieg, brachte uns auf die Befürchtung, er möchte etwas gegessen haben, was ihm nicht bekommen sei.
Später stellte sich jedoch heraus, daß es etwas gewesen war, was er getrunken hatte. Es war der ausschließliche Erfrischungstrank der Mormonen, ›Valley Tan‹. Valley Tan, oder wenigstens eine Sorte desselben, ist eine Art Whiskey oder nächstverwandt mit diesem; er ist eine Erfindung der Mormonen und wird nur in Utah hergestellt. Der Sage zufolge wird er aus (importiertem) Feuer und Schwefel bereitet. Wenn ich mich recht erinnere, so gestattete Brigham Young keine öffentlichen Trinkhäuser in seinem Reiche, und erlaubte den Gläubigen auch keine Privatkneipereien, außer sie beschränkten sich auf Valley Tan.