Ich stand wie bezaubert. Ich sog es ein, in stummem Entzücken. Die Welt war wie neu für mich; ich hatte dergleichen daheim nie gesehen. Aber, wie ich schon sagte, – es kam ein Tag, an dem ich aufhörte, ein waches Auge für all diese Pracht und all diese Reize zu haben, welche Sonne, Mond und Zwielicht über das Antlitz des Riesenstromes auszugießen wußten. Und dann kam noch ein Tag, an dem ich aufhörte, überhaupt ein Auge für sie zu haben. Jener Sonnenuntergang, der mich einst in so maßloses Entzücken versetzt hatte, würde mich jetzt nicht nur nicht mehr entzückt haben, sondern ich hätte ihn bloß noch betrachtet, um folgenden Kommentar daran zu knüpfen: »Diese blutige Sonne deutet an, daß wir morgen Wind haben werden; jener schwimmende Baumstamm, daß der Fluß steigt, jener zitternde Querstreif weist auf ein Sandriff, das nicht verfehlen wird, in einer der nächsten Nächte ein Schiff umzubringen; jene tanzenden Kreise im Wasser sagen an, daß sich dort ein neuer Fahrkanal bildet; und jener alte Baumriese mit dem einen belaubten Zweige winkt uns etwas wie ein letztes Lebewohl zu, – und wer soll sich, wenn er niedergestürzt sein wird, ohne den alten wohlbekannten Wegweiser hier noch zurecht finden?«

Nein, – mit der Romantik und der Schönheit des Flusses war es für mich auf ewig vorbei! Die mannigfachen Erscheinungen desselben hatten nur noch insoweit einen Wert für mich, als sie für die Leitung eines Dampfbootes in Betracht kamen. Das war alles.

Wie oft habe ich seitdem aus tiefstem Herzen den Mann der ärztlichen Wissenschaft beklagt! Wie häufig ist ihm nicht das holde Erröten auf den Wangen der Schönheit nichts andres als ein flüchtiges Phänomen, das über ein verstecktes tödliches Uebel hinzuckt! Sind ihm nicht die meisten ihrer sichtbaren Reize ebenso viele Verräter und Anzeichen verborgenen Verfalls! Ja, vermag er die Schönheit überhaupt noch zu sehen, und, wenn er sie sieht, anders als mit dem Blick des Fachmanns? Und fragt nicht auch er sich wieder und immer wieder: ob er durch den Erwerb all seiner Erkenntnis mehr gewonnen oder verloren hat?!


Ich vervollständige meine Ausbildung.

Wer so höflich war, die vorhergehenden Kapitel zu lesen, wird sich vielleicht wundern, daß ich das Lotsen als Wissenschaft so eingehend behandelt habe. Es war der Hauptzweck jener Kapitel und ich bin noch nicht ganz fertig damit; denn ich möchte aufs eingehendste beweisen, welch wunderbare Wissenschaft das Lotsen ist.

Die Schiffahrtskanäle werden mit Bojen und Leuchtfeuern versehen, und es ist deshalb ein vergleichsweise leichtes Unternehmen, sie kennen zu lernen und zu befahren; Flüsse mit klarem Wasser und Kiesgrund ändern ihr Fahrwasser sehr allmählich, und man braucht sie daher nur einmal zu ›lernen‹; das Lotsen wird aber eine ganz andere Sache, wenn es sich um ungeheure Ströme, wie den Mississippi und den Missouri, handelt, wo die angeschwemmten Ufer sich fortwährend aushöhlen und verändern, die treibenden Baumstämme fortwährend neue Plätze aufsuchen, die Sandbänke nie zur Ruhe kommen, das Fahrwasser ewig Winkelzüge und Abweichungen macht, und die Hindernisse bei jeder Dunkelheit und jedem Wetter bekämpft werden müssen – ohne die Hilfe eines einzigen Leuchtturms oder einer einzigen Boje; denn auf dem drei- bis viertausend Meilen langen verwünschten Strome ist nirgends ein Leuchtfeuer oder eine Boje zu finden.[4] Ich fühlte mich berechtigt, mich über diese große Wissenschaft weitläufig zu verbreiten, weil ich überzeugt bin, daß niemals jemand, der selbst ein Dampfboot gelotst hat und also den Gegenstand praktisch kannte, einen Satz darüber geschrieben hat. Wäre das Thema abgedroschen, dann müßte ich mir Enthaltsamkeit auferlegen; da es aber ganz neu ist, glaube ich der Sache einen beträchtlichen Raum widmen zu dürfen.

[4] Seitdem ist das anders geworden.