Wie schon gesagt, brachte das starke Steigen des Flusses eine neue Welt in meinen Gesichtskreis. Sobald der Strom über seine Ufer getreten war, hatten wir unsere alten Pfade verlassen und kletterten stündlich über Sandbänke, die vorher zehn Fuß aus dem Wasser emporgeragt hatten; wir fuhren dicht an steilen Ufern hin, wie z. B. am unteren Ende von Madrid Bend, die ich vorher immer hatte meiden sehen; wir steuerten durch Engen wie die von 82, wo die Einfahrt am unteren Ende eine ununterbrochene Waldmauer war, daß wir sie fast mit dem Buge berührten. In einigen dieser Engpässe glaubte man sich in einen Urwald versetzt. Dichter, jungfräulicher Wald hing über beide Ufer des gewundenen Fahrpasses und man erhielt den Eindruck, als ob noch nie ein menschliches Wesen hier eingedrungen sei. Hängende Weinreben schlangen sich von Baum zu Baum, schimmernde Lichtungen und grüne Winkel zeigten sich dem Blick beim Vorüberdampfen; blühende Schlingpflanzen, deren rote Blüten sich auf den Gipfeln abgestorbener Bäume wiegten; der ganze Reichtum des Waldlaubwerks schien hier mit verschwenderischer Hand ausgestreut. In den engen Durchfahrten steuerte sich's prächtig, sie waren tief, ausgenommen am oberen Ende; die Strömung war schwach; unterhalb der Landspitzen stand das Wasser geradezu stille; die steilen Ufer waren in dichtes Weidengebüsch eingehüllt, welches weit in den Fluß hineinragte, so daß das Boot beim Vorüberfahren zur Hälfte in demselben begraben war.
Hinter einigen Inseln fanden wir elende kleine Farmen und noch elendere kleine Blockhütten; da ragten gebrechliche Holzzäune einen oder zwei Fuß aus dem Wasser, und oben auf dem Zaun kauerten ein paar gelblich aussehende, fieberfröstelnde Mannesleute, die Ellbogen auf den Knieen, das Kinn in die Hände gestützt, Tabak kauend und das Resultat durch die Zahnlücken auf vorübertreibende Holzstücke entladend, während die übrigen Familienglieder und die wenigen Haustiere sich auf einem leeren Flachboot zusammendrängten, das in der Nähe verankert lag. In diesem Flachboot mußte die Familie eine Reihe von Tagen, zuweilen sogar Wochen, kochen, essen und schlafen, bis der Fluß zwei oder drei Fuß fiel, und ihnen die Rückkehr zu ihrer Blockhütte gestattete. Diesem Kampieren auf dem Wasser waren diese Leute ein paarmal im Jahre ausgesetzt; beim Steigen des Ohio im Dezember und beim Steigen des Mississippi im Juni. Und das waren noch glückliche Fügungen, denn sie ermöglichten es den armen Geschöpfen, wenigstens hin und wieder von den Toten aufzuerstehen und einen Blick aufs Leben zu werfen, wenn ein Dampfboot vorüberfuhr. Sie wußten die Segnung auch zu würdigen, denn sie rissen Mäuler und Augen weit auf und benützten diese Gelegenheit in ausgiebiger Weise. Was mochten diese verbannten Geschöpfe wohl während der Zeit des niederen Wasserstandes anfangen, um nicht an Langeweile und Schwermut zu sterben?
Einmal fanden wir in einer dieser lieblichen Inselpassagen unser Fahrwasser von einem hohen umgefallenen Baum vollständig überbrückt. Das läßt ersehen, wie schmal einige dieser Engen waren. Die Passagiere konnten sich eine Stunde lang in einer jungfräulichen Wildnis vergnügen, während die Schiffsmannschaft den Baum abhackte; denn an ein Umkehren war gar nicht zu denken.
Von Kairo bis Baton Rouge hat man, wenn der Strom über die Ufer getreten ist, bei Nacht keine besondere Schwierigkeit, denn die tausend Meilen lange dichte Waldmauer, welche den Weg der ganzen Länge nach einfaßt, wird nur hier und da von einer Farm oder einem Holzplatz unterbrochen, es ist deshalb ebensowenig möglich, aus dem Fahrwasser zu kommen, als aus einer eingezäunten Gasse. Von Baton Rouge bis New Orleans aber liegt die Sache ganz anders: der Strom ist mehr als eine englische Meile breit und sehr tief – an manchen Stellen bis zu zweihundert Fuß. Beide Ufer sind auf einer Strecke von weit mehr als hundert englischen Meilen ganz von Gehölz entblößt und von einer ununterbrochenen Reihe von Zuckerfeldern eingefaßt, zwischen denen nur hier und da ein einzelner oder eine Reihe, gleichsam zur Zierde dienender, Chinabäume steht. Das Gehölz ist zwei bis vier Meilen weit bis hinter die Pflanzungen gänzlich ausgerodet. Wenn der erste Frost droht, bringen die Pflanzer eiligst ihre Ernte herein; wenn sie mit dem Mahlen des Zuckerrohrs fertig sind, bilden sie aus dem Abfall, der sogenannten Bagasse, große Haufen, welche dann verbrannt werden. In andern Zuckerländern wird dieser Abfall als Brennmaterial für die Oefen der Zuckermühlen verwendet. Diese feuchten Bagassehaufen verbrennen sehr langsam und rauchen wie die Küche des Teufels.
Ein zehn bis fünfzehn Fuß hoher Damm schützt beide Ufer des Mississippi auf der ganzen Strecke des unteren Stromlaufes und dieser Damm zieht sich in einer Entfernung von zehn bis zu hundert Fuß rückwärts vom Uferrande entlang – meist sind es dreißig bis vierzig Fuß. Nun lasse man diese ganze Strecke von einer undurchdringlichen Masse Rauchs, der aus einer hundert Meilen langen Reihe von brennenden Bagassehaufen emporsteigt, erfüllt sein, während der Fluß die Ufer überschwemmt hat, und versetze sich auf einen Dampfer, der um Mitternacht passieren muß! Und dann denke man sich hinein, wie einem dabei zu Mute ist! Man befindet sich draußen inmitten einer trüben uferlosen See, die in der düstern Ferne verschwimmt und sich verliert; denn die Umrisse des schmalen Dammes sind nicht zu erkennen. Den Pflanzungen selbst hat der Rauch ein ganz verändertes Aussehen gegeben; sie sehen wie ein Teil der See aus. Während der ganzen Wache wird man von der Qual der größten Ungewißheit gefoltert; man hofft noch im Strom zu sein, weiß es aber nicht. Man weiß nur soviel gewiß, daß man dem Ufer und dem Untergang auf sechs Fuß nahe sein kann, während man eine gute halbe englische Meile vom Ufer entfernt zu sein glaubt. Und falls das Boot plötzlich auf den Damm stößt und die Schornsteine über Bord fallen, bleibt einem jedenfalls der geringe Trost, daß man eigentlich nichts anderes erwartet hat. Eines der großen Vicksburger Paketboote schoß eines Nachts in eine Zuckerpflanzung hinein und mußte eine volle Woche dort bleiben. Aber dies war nichts Neues; es war schon öfters geschehen.
Ich glaubte dieses Kapitel schon beendigt zu haben, möchte aber jetzt noch einen seltsamen Vorgang erwähnen, so lange er mir im Sinne ist. Es gab einmal einen ausgezeichneten Lotsen auf dem Flusse, einen Herrn X., der ein Nachtwandler war. Wenn er sich wegen einer schwierigen Stromstrecke Sorgen machte, stand er, wie man erzählt, des Nachts auf, wandelte im Schlaf umher und that allerlei seltsame Dinge. Einmal war er während einiger Fahrten mit einem gewissen George Ealer zusammen Lotse auf einem großen Passagierdampfer aus New Orleans. Letzterem war es daher auf der ersten Reise neben einem solchen Kameraden anfangs ziemlich unbehaglich, er beruhigte sich indessen bald, als er wahrnahm, daß X. ruhig im Bett schlief. Eines Abends kam das Boot spät nach Helena in Arkansas; der Wasserstand war niedrig und die Ueberfahrt oberhalb der Stadt von einem Ufer zum andern eine sehr schwierige und verwickelte Aufgabe. X. hatte die Stelle später passiert als Ealer, und da die Nacht besonders regnerisch, düster und nebelig war, überlegte Ealer, ob es nicht besser wäre, X. zur Mithilfe beim Passieren der Strecke zu rufen, als sich die Thüre öffnete und X. hereintrat. Nun ist in sehr finstern Nächten das Licht ein Todfeind des Lotsen; es ist bekannt, daß man aus einem erleuchteten Zimmer die Gegenstände auf der dunkeln Straße nicht genau erkennen kann, während man sie ziemlich deutlich sieht, wenn man das Licht auslöscht und sich in der Dunkelheit befindet. Deshalb rauchen die Lotsen bei sehr dunkler Nacht nicht, dulden im Steuerhaus kein Feuer im Ofen, wenn dieser einen Sprung hat, durch den auch nur der schwächste Strahl entweichen kann, und lassen die Feuerstellen mit großen Segeltüchern verhängen und das Oberlicht dicht verschließen. Dann strahlt kein Licht vom Boote aus. Die unbestimmte Gestalt, die jetzt ins Steuerhaus trat, hatte Herrn X.s Stimme und sagte:
»Laß mich das Boot führen, George; ich habe die Strecke erst kürzlich gesehen, und sie ist so gekrümmt, daß ich dort leichter selbst lotsen als dir sagen kann, wie man's machen muß.«
»Sehr freundlich von dir; ich nehme mit Dank an. Hab' keinen Tropfen Schweiß mehr im Leibe. Ich bin wie ein Eichhörnchen mit dem Rade herumgetanzt, so oft hab' ich hin- und herdrehen müssen. Es ist so finster, daß ich nicht sagen kann, nach welcher Richtung das Boot sich wendet.«